Silvester

 

Personen und Handlung sind frei erfunden. Nur das Originalbild, das gibt es tatsächlich in Dresden. Und die Kopie...? Aber nur das Original hatte ihn um etwas gebeten.

 

1.

Der Besucher hatte es leise zu sich selbst gesagt: „Seltsam.“ Er richtete sich aus der gebeugten Haltung wieder auf, und zwischen seinen Augenbrauen zeichneten sich deutlich zwei scharfe senkrechte Falten ab. Nachdenklich stand er so da, ging dann ein paar Schritte zurück, um das große Bild insgesamt betrachten zu können.

Leise flüsterte er: „Es kann doch gar nicht sein. Alles stimmt, die Farbgebung, die Nuancierungen, die Pinselführung und auch die Bildatmosphäre. Und wenn es Unterschiede geben würde, so wären sie doch erklärlich.“

Er wusste, dass die Gemälde dieser Zeit in Werkstätten gemalt worden waren. Und wenn sie auch mit Rubens, Raffael, Botticelli, oder wie immer die berühmten Maler dieser Jahrhunderte hießen, unterzeichnet waren, so hatten doch auch ihre Schüler mit an diesen Bildern gearbeitet und ihre eigene Art des Malens verewigt.

Es war damals so, wie es heute bei den berühmten Architekten, Unternehmern oder Generälen und Politikern üblich ist, ein einziger Name steht schließlich für alles - für die große Linie, den Stil. Wir kennen schließlich auch nicht mehr den Mönch, der im Mittelalter das Pergament tatsächlich beschrieben hat, nur das Siegel des Königs, in dessen Sinne es formuliert worden war...

Seine Gedanken waren abgewichen von dem, was ihm eigentlich aufgefallen war, und er rief sich selbst zur Ordnung, um sich auf das Gemälde zu konzentrieren. Schließlich war er kein Kunsthistoriker. Wie sollte er, der kein Fachmann war, es besser wissen, als die Gelehrten des Museums?

Er rückte seine Brille zurecht und blätterte mit dem rechten Zeigefinger suchend in dem dicken Museumskatalog, hielt an, las den Satz, nach dem er gesucht hatte, so, als wolle er seine Erinnerung überprüfen: „Rückseitig bezeichnet: peint par louis Silvestere à Dresde 1734“. Er blickte wieder auf, trat erneut an das Gemälde heran und konzentrierte sich auf die linke untere Ecke. Dort, in der dunklen Schattenpartie, stand eindeutig, in schwarzer kleiner Schrift, bei oberflächlicher Betrachtung oder bei Konzentration auf die helleren Partien des Bildes, dessen Figuren das Thema des Bildes waren, vollkommen unauffällig, dort in der dunklen Ecke las er ganz eindeutig: „Louis Silvestre (K.v.B.)“.

Es konnte nicht sein! Und doch konnte er auf dem Gemälde lesen, was dort nicht stehen durfte.

Es hingen im gleichen Raum noch andere Silvestre’s und auch nach eingehender, penibler Prüfung der dunkleren Partien war bei keinem der anderen Gemälde ein Schriftzug oder eine Signierung zu erkennen. Nur dieses eine Bild unterschied sich darin von den anderen und stimmte nicht mit dem Katalogtext überein.

Hilfesuchend blickte der Besucher sich in den stillen, großen Räumen um. Sein Erstaunen drängte nach Mitteilung dieser Verwunderung.

Der Museumswärter, ein jüngerer Mann, auf dessen vollem blonden Haar die nach hinten geschobene Dienstmütze wie unerwünscht aussah, schreckte aus seiner dösenden Wachsamkeit auf, als der Besucher geradewegs auf ihn zuging.

„Entschuldigen Sie bitte, aber wissen Sie, ob es mit diesem...“, der Besucher wies auf das Bild, vor dem er so lange prüfend gestanden hatte, „ob es mit diesem Gemälde etwas Besonderes auf sich hat?“

„Also, ich wüsste nicht.“ Eine leichte Verlegenheit wurde in seinem Gesichtsausdruck deutlich. „Aber das hat nichts zu bedeuten. Ich bin erst seit Neueröffnung der Galerie hier und wir wechseln alle drei Tage die Räume, in denen wir unseren Dienst tun“. Nun blickte er wie ein Verschwörer. „Wissen Sie, von wegen der Wachsamkeit!“ Er richtete sich kerzengerade auf, um das Gesagte zu unterstreichen.

Als ob aus kerzengerader Haltung auf Wachsamkeit zu schließen wäre.

„Früher“, sprach er weiter, „als die Wächter sozusagen ihre eigenen Räume hatten, da waren das noch richtige Spezialisten, die konnten ihnen jedes Farbpartikelchen beschreiben. Erinnern Sie sich, als die Mona Lisa nach Amerika transportiert wurde? Da wäre die Versicherungssumme fällig geworden, wenn nur ein Partikelchen der Ölfarbe gefehlt hätte, nachdem sie wieder zu Hause war. Mit einem Computer haben sie das Bild überprüft. Die alten Wächter hätten das mit bloßem Auge gekonnt!“

In seiner Stimme klang ein doppelter Ton aus nicht erfüllbarem Stolz und Selbstmitleid.

„Aber, bei dem ständigen Wechsel, wie soll man sich heutzutage da noch auskennen?“

Der Besucher verstand diese Tonlage des Selbstmitleides nicht. Er selbst war einen weiten Weg gereist, um diese Bilder anzusehen, und hatte die Museumswächter immer beneidet, die tagtäglich mit diesen unsterblichen Schöpfungen menschlichen Genies umgeben waren.

Nun schien es ihm, als ob diese ständige, unmittelbare Nähe eine seltsame Distanz und Uninteressiertheit zur Folge hätte.

Der junge Wächter unterbrach seinen Gedankengang: „Wenn Sie eine spezielle Frage haben, kann Ihnen vielleicht jemand vom Besucherdienst weiterhelfen.“

 

2.

Die Leiterin des Besucherdienstes erinnerte ihn, mit ihrem blonden Haar und ihrem Kostüm aus dunkelblauem Satin, an den goldblauen Glanz eines Bildes von Raffael, das er kurz vorher im Museum gesehen hatte.

„Barocke Figur“, dachte er bei sich. Obwohl er wusste, dass diese Beschreibung normalerweise abwertend gemeint war, empfand er eher eine Bewunderung für die in sich stimmige Erscheinung ihrer Weiblichkeit.

Mit einer leichten Befangenheit stand der Museumsbesucher vor ihrem Schreibtisch, berichtete von seiner Beobachtung und holte schließlich tief Luft: „Könnte es sein, dass es sich um eine Fälschung handelt?“

Zu seinem Erstaunen schien diese Frage sie nicht sonderlich aufzuregen. Ihr freundliches Lächeln, mit der sie seinem Bericht zugehört hatte, veränderte sich kaum merklich. Nur ihren Augen war eine stille Traurigkeit abzulesen.

„Ach, wissen Sie“, begann sie, hielt dann inne, „nun setzen Sie doch bitte erst einmal“ und wies auf den Stuhl neben ihrem Schreibtisch. „Also, die generelle Frage, ob das Bild eine Fälschung ist, führt sehr tief in die Thematik der Wertschätzung und...“, nun lächelte sie den Besucher hintergründig an, „Wertschätzung nicht nur im kultureller, sondern auch in schlicht finanzieller Hinsicht. Ist das Bild ein Original? Da keiner von uns daneben gestanden hat, als der Künstler das Bild malte und keiner von uns das Bild durch die Jahrhunderte stets persönlich begleitet hat, um Beweis anbieten zu können, dass dieses Bild das Original ist, das er gesehen hat, als es sozusagen geboren wurde, können wir uns nur auf unsere Experten verlassen. Ihre Expertisen, nicht unser eigenes Wissen, lassen das Bild zu eben dem Original werden, als das wir es dann ansehen.“

„Sie meinen also, es ist eine reine Frage der Übereinkunft von Experten und nicht des inneren Wesens eines Kunstwerks? Aber...“, er zögerte leicht, als sei ihm etwas in den Sinn gekommen. „Sie haben ja recht, wir kennen doch alle die Meldungen, dass ein einfaches preiswertes Bild vom Flohmarkt dann als Original eines berühmten Meisters eingestuft wird und dem glücklichen Besitzer ein kleines Vermögen einbringt.“

„Das ist der eine Aspekt. Ich hoffe, ich habe Ihnen keine Illusion genommen.“ Ihr Lächeln ließ den Eindruck entstehen, als wolle sie ihm gleich mitfühlend die Hand streicheln.

Sein Gesicht war allerdings tatsächlich bestürzt gefaltet und er hatte sich zurückgelehnt, als brauche er den Halt der Stuhllehne.

„Nun“, sie lächelte ihm aufmunternd zu, „die anderen und wesentlicheren Aspekte sind aber, neben der professionellen Kenntnis des künstlerischen Handwerks, unsere Phantasie und der Nimbus eines Kunstwerks, diese unerklärliche Aura der Berühmtheit des Künstlers oder des Kunstwerks. Während Kunstkenner sich von diesem Nimbus häufig befreien können und eigene Wertschätzungen entwickeln, ganz nach ihrem eigenen Geschmack, sind die normalen Besucher manchmal enttäuscht, wenn sie vor einem berühmten Gemälde stehen, dessen Nimbus erleben wollen und eigentlich nur ein gutes Gemälde sehen. Dann höre ich manchmal während der Führungen ein leises Murmeln, aus dem sich die Frage herausschält: ‚Ob das Bild wohl wirklich echt ist?’. Wir müssten unsere Gemälde eigentlich in weihevollerem Licht und in einer geheimnisvollen Atmosphäre präsentieren, damit diese Einstimmung möglich ist und die erhoffte Aura des Nimbus sich bei dem Besucher einstellt.“

Ihr Gast konnte dem Gesagten nur beipflichten. „Früher sprach man vom ‚Musentempel’. Heute sind die Museen eigentlich nur gepflegte Ausstellungshallen.“

Nachdenklich drückte er seinen Zeigefinger gegen die Schläfe. „Vielleicht ist auch die Qualität der Reproduktionen im Druck heute zu gut geworden, und ich sage ganz bewusst ‚zu gut’, denn so ist die Qualität des Originals für den normalen Betrachter keine Steigerung mehr gegenüber der Reproduktion. Ich habe schon Kommentare gehört, die sagten: ‚In der Kunstzeitschrift sah das Bild aber besser aus!’.“

Sie nahm seinen Faden auf. „Ich habe kürzlich gelesen, dass amerikanische Kinder die natürliche Ananas als zu sauer ablehnen. Ihr Kommentar soll dann sein, das sei keine Ananas, denn Ananas wäre viel süßer. Aus der Gewöhnung an die gesüßte Konserve wird das Original abgelehnt.“

Der Besucher war voller Eifer auf seinem Stuhl näher zur vorderen Kante der Sitzfläche vorgerutscht.

„Genau, Sie sagen es. Vielleicht sollte man sich, um die Einzigartigkeit der Originale zu bewahren, darauf einigen, dass Reproduktionen nicht mehr auf glänzendem Kunstdruckpapier reproduziert werden. Durch die Glätte des Papiers bekommen die Druckfarben eine helle Reflektion des Lichtes unterlegt, die den Bildern einen Glanz verleiht, den sie im Original gar nicht haben können.“

Ihr Lachen bremste seinen Eifer: „Ich werde Sie meinem Direktor als Sachverständigen vorschlagen! Aber ich fürchte, wir werden da nicht sehr erfolgreich sein. Sowohl, was die Verschlechterung der Druckqualität anbelangt, als auch die Akzeptanz von Ihnen als Sachverständiger.“

Sie kniff die Augen leicht zusammen und betrachtete ihren Besucher.

„Vielleicht aber doch, denn Ihnen ist ja etwas aufgefallen, was unsere Fachleute nicht bemerkt haben. Mehr kann ich Ihnen dazu im Augenblick nicht sagen.“

Sie überlegte einen Augenblick, dann verabschiedete sie ihren Besucher mit einem freundlichen Lächeln: „Wenn Sie mir Ihre Adresse aufschreiben wollen, werde ich Ihnen das Ergebnis unserer Überprüfung der falschen Beschriftung auf jeden Fall mitteilen.“

 

3.

Professor Heinrich, der Direktor des Museums, von seinem Naturell her schon leise und bedächtig, zeigte eine äußerlich kaum erkennbare Reaktion. Nur die leichte ansteigende Röte seines Gesichtes ließ seine innere Erregung erkennen, als die Leiterin des Besucherdienstes ihm davon berichtete, was der Besucher bemerkt haben wollte.

Wie sie es von ihm kannte, sprach er nach kurzer Zeit der Überlegung sehr ruhig: „Lassen Sie uns das Gemälde selber ansehen.“

Zusammen gingen sie durch das prachtvolle Foyer des Museums und stiegen die Marmorstufen zu den Ausstellungs­räumen hinauf. Nur die Museumsangestellten konnten vermuten, dass etwas Ungewöhnliches vorging. Der Direktor verließ in diesen Wochen ohne einen besonderen Anlass niemals seinen Schreibtisch. Er arbeitete an einer großen wissenschaftlichen Veröffentlichung und hatte seine normalerweise häufige Anwesenheit in den Ausstellungsräumen auf ein Minimum reduziert. Seine Begleitung durch die Leiterin des Besucherdienstes deutete auf eine Beschwerde von Seiten der Besucher hin.

Den Schriftzug auf dem Gemälde betrachtend, wurde die helle Gesichtshaut des Direktors noch etwas blasser.

Er vergrub sich wieder in Schweigen.

Dann atmete er tief auf, es klang ähnlich einem schweren Seufzer. „Ich fürchte, wir müssen die Kriminalpolizei einschalten. Bitte wahren Sie Stillschweigen.“

 

4.

Kommissar Lichtenberg deutete auf seinen glimmenden Stumpen. Fragend blickte er den Direktor des Museums an. „Sie können hier ruhig rauchen, Herr Kommissar. In den Verwaltungsräumen gibt es keine empfindlichen Rauchmelder wie in den Ausstellungsräumen. Auch wenn wir es nicht gerne sehen, erlauben wir es unseren Besuchern hier im Büro.“ Ein nachsichtiges kleines Lächeln zuckte in seinen Mundwinkeln. „Ausnahmsweise!“

„In den Ausstellungsräumen würde ich ihre empfindlichen Rauchmelder auch nicht testen wollen. Im Regen möchte ich nicht gerne stehen, wenn die Sprinkleranlage sich dann aktiviert.“

„Tut mir leid, Herr Lichtenberg, hier würden Sie nicht unter Wasser gesetzt werden, bei uns werden Sie lautlos vergiftet.“

Dem Kommissar wurde etwas ungemütlich. „Wie darf ich das verstehen?“

Nun konnte sich der Direktor nicht ein Lächeln verkneifen.

„Sie befinden sich in einem Museum mit Ölbildern, die auf Leinwand gemalt sind.“ Er ließ eine Pause verstreichen.

„Wenn im Brandfall eine Sprinkleranlage zur Feuerlöschung verwendet werden würde, wäre der Wasserschaden an allen Bildern wohl größer als der mögliche Brandschaden an wenigen Bildern.“

„Das soll woanders ja auch so passieren. Kennen Sie nicht die Volksweisheit: Je mehr Feuerwehrmänner einen Brand löschen, desto größer der Schaden?“

„Wollen Sie meine wissenschaftliche Ausbildung überprüfen? Die Kausalkette muss doch heißen: Je größer der Brand, desto mehr Feuerwehrmänner. Und je größer der Brand, desto größer der Schaden. Ihre Volksweisheit ist ein sogenannter ökologischer Fehlschluss.“

„Gut aufgepasst, Herr Professor. Es macht immer Spaß, wenn sich Fachleute, mit Verlaub, nicht als ‚Fachidioten’ herausstellen. Aber wie wird denn bei Ihnen ein Feuer gelöscht, wenn nicht mit Wasser?“

„Wir leiten Kohlendioxyd in die Museumsräume, die wegen der Klimaanlage sowieso hermetisch abgedichtet sind, und entziehen der Luft den Sauerstoff, so das wir das Feuer gleichsam ersticken, ohne die Bilder zu beschädigen.“

Der Kommissar hielt es nun doch für angebracht, seinen Stumpen auszudrücken. „Deswegen also das ‚lautlos’. Sie merken nichts, sie riechen nichts und dann hat es sie schon erwischt. Ein völlig neuer Aspekt, warum Rauchen gesundheitsschädlich ist. Da ist es wohl besser, kein Risiko einzugehen.“ Er betrachtete seinen kalten Stumpen.

„Oder darf ich davon ausgehen, dass das Risiko geringer ist, solange Sie sich in meiner Begleitung befinden.“

„Wenn es nicht gegen die Besucherordnung verstoßen würde, wäre ein Kanarienvogel ein besserer Garant ihrer Sicherheit als meine Anwesenheit.“

„Bitte?“

„Vielleicht erinnern Sie sich, dass die Bergleute früher immer Kanarienvögel mit in den Schacht nahmen. Nicht aus Tierliebe oder als Sänger des Sonnenlichts, wie manche Menschen verklärend meinen, das wahrlich nicht. Die Kanarienvögel sind erheblich empfindlicher gegen Gas als Menschen und wenn der Vogel von seiner Sitzstange fiel...“. Er sprach nicht weiter.

„Alle Achtung!“ Lichtenberg konnte seinen Respekt vor diesem Direktor nicht verhehlen: „Und ich habe immer gedacht, Museumsleute seien trockene Kunsthistoriker.“

„Wenn Sie sich eingehender mit Kunstgeschichte befassen könnten, würden Sie sehr schnell feststellen, dass die Kunst manchmal mehr einer Kriminalgeschichte gleicht als einer Kunstgeschichte im üblichen Sinn.“

Lichtenberg beugte sich interessiert nach vorne.

„Damit sind wir ja beim Thema. Was ist denn bei Ihnen vorgefallen, dass Sie die Kripo rufen?“

Professor Heinrich betrachtete den Kommissar.

„Um es kurz und ohne Umschweife zu sagen: Dem Museum fehlt ein Original.“

„Gestohlen?“

„So kann man das eigentlich nicht sagen?“

„Ein Bild aus dem Depot oder aus der Ausstellung?“

„Aus der ständigen Ausstellung.“

„Wenn Ihnen das Bild fehlt, ist da also ein leerer Platz, wo vorher das Bild hing?“

„Nein, das nicht. Die Bilder sind alle einzeln gesichert und wenn Sie den Rahmen nur leicht bewegen, wird in der Hauswache ein Alarm aktiv. Anstelle des Originals hängt dort eine Kopie.“

„Eine Fälschung?“

„Nein, es ist eine Kopie und als solche auch gekennzeichnet.“

Er berichtete von der Entdeckung des Besuchers und der Peinlichkeit, dass sie den offensichtlichen Austausch des Bildes nicht selber bemerkt hatten.

„Eine Kopie ist in der Kunst etwas völlig Legitimes und Übliches. Sammler und Liebhaber, die ein möglichst genaues Abbild des Gemäldes erhalten wollen, lassen sich das Bild kopieren. Es ist sozusagen ein legitimes Duplikat. Eine Fälschung würde bedeuten, dass etwas Unechtes, genauer gesagt etwas Nachgemachtes, als Original oder anders gesagt, als echt ausgegeben wird.“

Lichtenberg zwickte nachdenklich sein rechtes Ohr.

„Worin lassen sich dann Original und perfekte Kopie unterscheiden? Die Maler lassen doch sicherlich keine Echtheitsmerkmale in die Leinwand einweben.“

„Nein, das nicht. Da hat es die Bundesbank bei ihren Geldscheinen einfacher, zwischen Original und Fälschung zu unterscheiden. Aber wir haben auch eine ganze Palette von Möglichkeiten, wenn man so sagen kann. Denn, um Ihre Frage aufzunehmen, die Leinwand ist tatsächlich ein wichtiges Echtheitsmerkmal. Viele Fälscher machen den Fehler, keine Leinwand aus dem Jahrhundert des zu fälschenden Bildes zu verwenden. Zum einen ist das sehr schwierig zu realisieren, da aus weiter zurückliegenden Jahrhunderten normalerweise nur die berühmten Originale in den Museen und Privatsammlungen bis in unsere Tage überlebt haben. Zum anderen ist dann ja auf dieser Leinwand bereits ein Bild vorhanden. Eine einfache Übermalung lässt sich problemlos feststellen, da das darunter befindliche Bild sichtbar zu machen ist, wir ‚röntgen’ es sozusagen. Und die Kunst, mit den malgeschichtlich zeitgemäß richtigen Chemikalien das Bild zu entfernen, ohne dabei nachweisbare Spuren zu hinterlassen, beherrschen nur die allerwenigsten Fälscher. Und diese Künstler, im wahrsten Sinne des Wortes, haben Preise, da könnte man sich dann manchmal doch gleich das Original kaufen.“

Lichtenberg war sichtlich beeindruckt.

In seiner leisen Sprechweise setzte der Museumsdirektor die Erklärungen fort.

„Die wirklich sehr teuren Gemälde sind im übrigen alle bekannt. Es gibt inzwischen einige lückenlose Werkverzeichnisse, so dass die Wahrscheinlichkeit des Auftauchens eines, beispielsweise, bisher unbekannten Raffaels oder eines Van Goghs gegen Null geht.“

„Und haben Sie eine Idee, wer dieses legitime Duplikat, wie Sie es nennen, und dass bisher alle als Original angesehen haben, kopiert hat? Es muss doch ein wahrer Meister sein.“

„Das ist zum Glück leicht herauszufinden, da der Kopist das Bild als sein Werk gekennzeichnet hat. Seine Signatur steht korrekt neben dem Namen des Malers.“

„Dann haben gute Kopisten sozusagen einen Namen?“

„Ja sicherlich. Und seine Signatur kenne ich, da es ein Kopist ist, der in dieser Stadt lebt und arbeitet.“

„Haben Sie sich schon mit ihm in Verbindung gesetzt?“

„Nein bisher nicht. Ich möchte, und darum bitte ich auch Sie, Herr Kommissar, jedes bekannt werden dieser Tatsache und jede Öffentlichkeit vermeiden. Es gäbe einen Skandal, der dem Ruf des Museums erheblich schaden und unsinnigen Verdächtigungen Tür und Tor öffnen würde.

Ein großer Teil unserer Gemälde war von den sowjetischen Truppen als so genannte ‚Siegestrophäen’ oder ‚Beutekunst’ nach dem Krieg abtransportiert worden und wir haben die meisten dieser Bilder erst nach zehn Jahren zurück erhalten. Wenn jetzt eines dieser Bilder als Kopie bekannt wird, was meinen Sie, was hier dann los ist.“

„Ich verstehe, keine Pressemitteilung, keine weiteren ‚Mitwisser’ als unbedingt notwendig.“

„Deshalb habe ich auch keinen Kontakt zu dem bekannten Kopisten aufgenommen, dafür ist meine Stellung zu exponiert. Und, darf ich ergänzen, in solchen Ermittlungen habe ich auch keine Erfahrung.“

„Ist ihnen noch irgendetwas aufgefallen?“

„Das eigentlich nicht, denn aus unserer Erfahrung ist es eigentlich normal, dass es sich nicht um eines unserer berühmten Gemälde handelt, wie Sie es vielleicht erwarten würden.“

„Nun, das finde ich aber doch bemerkenswert.“

„Ich verstehe schon, was Sie meinen, aber die Logik ist eine andere. Von den berühmten Bildern gibt es verschiedenste Drucke, bis zum Poster beinahe in Originalgröße. Gerade die nicht so bekannten Bilder, die ja auch ihre Liebhaber haben, werden eben nicht in den Kunstkatalogen abgebildet, oder höchstens in einer kleinen schwarz-weiß Reproduktion, und so ist dann eine Kopie notwendig. Es ist zwar sehr selten geworden, dass Bilder kopiert werden, da Fotografien und Großabzüge ja ähnliches leisten und billiger sind als die Arbeit eines Kopisten, aber es kommt noch bisweilen vor. Und nebenbei, manche der Liebhaber, die eine Kopie anfertigen lassen, wollen schon den Eindruck erzeugen, sie hätten ein Original. Das aber jemand, um ein beliebiges Beispiel zu nennen, das Original der Sixtinischen Madonna zu Hause hängen hat, wird er einem halbwegs Gebildeten nicht glaubhaft machen können.“

„Ganz im Gegensatz zu den Geldfälschern“, lachte nun Lichtenberg, „die nehmen nur die bekanntesten und weit verbreitetsten Scheine!“

„Dabei handelt es sich allerdings nicht um Originale, deren Eigenart ja gerade in ihrer Einzigartigkeit begründet liegt.“

„Da haben Sie recht. Nachgemacht wird heute unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nur das, was hinlänglich verbreitet ist, aber, weil zu teuer, eben nicht als Original gekauft wird und deshalb in seiner preiswerteren, nachgemachten Variante noch genügend Abnehmer findet.“

„Und wenn ich recht orientiert bin, handelt es sich dabei, zumindest bei den nachgemachten Geldscheinen, im Wortsinne ja nicht mehr um Fälschungen, sondern tatsächlich um Kopien, wenn auch nur Fotokopien. Hatten Sie bereits Gelegenheit, sich unsere Kopie anzusehen?“

„Also“, Lichtenberg krauste etwas verlegen seine Stirn, „ich habe nur selten Gelegenheit, ins Museum zu gehen.“

„Glücklicherweise, wenn ich das auf Ihre Arbeitszeit beziehen darf?“

„Sie dürfen.“

„Nun, dann lassen Sie uns gemeinsam etwas für Ihre dienstliche Weiterbildung tun.“

Professor Heinrich erhob sich, und nachdem Lichtenberg seine Packung Stumpen in der Manteltasche verstaut hatte, gingen die beiden Männer durch den direkten Verwaltungszugang in die Ausstellungsräume.

Lichtenberg, der tatsächlich noch nicht in diesem Museum gewesen war, obwohl oder gerade weil er in dieser Stadt lebte, nahm sich nach wenigen Räumen vor, noch einmal mit seiner Frau, privat, hierher zu kommen, denn der Direktor ging mit zügigen Schritten durch die Räume und Lichtenberg wollte ihn nicht um Verweilen und Erläuterungen bitten.

Als sie vor dem fraglichen Bild stehen blieben, wunderte sich der Museumswärter, warum gerade dieses Bild so wichtig sei, dass ihn heute bereits ein Besucher so merkwürdig gefragt hatte und der Direktor bereits zum zweiten Mal an diesem Tag vor dem Bild stand. Er hielt sich aber in gebührendem Abstand, so dass er leider nicht hören konnte, worüber die beiden Männer sprachen.

Der Professor erklärte es Lichtenberg: „Christus bei Maria und Martha, gemalt 1734 von Louis Silvestre.“

„Na ja, das aber doch eben nicht“, konnte sich Lichtenberg nicht enthalten zu brummen.

„Freilich! Dieses Gemälde ist eine Kopie, die von Heinrich Balthus gemalt worden ist.“ Er wies auf die linke, untere Ecke. „Sehen Sie, hier hat er eindeutig seine Signatur gesetzt.“

Kommissar Lichtenberg musste sich schon näher nach vorne beugen, um die Stelle genau zu betrachten.

„Sehr leicht lässt sich das aber tatsächlich nicht lesen. Ist ja auch kein Wunder, sonst wäre es sicherlich früher bemerkt worden.“

Er richtete sich leicht stöhnend wieder auf.

„Wenn ich daran denke, dass das Bild, also das Original, bereits 260 Jahre alt ist, tun mir die Knochen noch mehr weh“, ächzte er.

„Hat es mit diesem Bild etwas Besonderes auf sich?“ Zum zweiten Mal wurde diese Frage nun am gleichen Tag gestellt.

„Das wissen wir nicht. Das Motiv ist mehrfach von verschiedenen Malern dieser Zeit gemalt worden. Es stellt den Besuch von Jesus bei Martha dar, die ihn gastlich aufgenommen hatte. ‚Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria, die setzte sich zu Jesu Füßen und hörte seiner Rede zu. Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen’, so heißt es in der Bibel. Als Martha nun ihre Schwester auffordert, ihr in der Küche zu helfen, lehnt Jesus das ab. Auf dem Bild sehen Sie Martha, dunkler gemalt, zwischen Christus und Maria gestellt, die beide heller gemalt sind. Der weisende Gestus Christi hält Martha zurück und verhindert so, dass sie sich zwischen ihn und seine Schülerin Maria, die vor ihm kniet, drängt.“

„Um mit Bertold Brecht zu sprechen: Und man sieht nur, die im Licht steh’n, die im Schatten sieht man nicht.“

„So hat es der Maler zu seiner Zeit bestimmt nicht gemeint. Es sollte sicherlich zur Hervorhebung Marias, als seiner Schülerin und Vorläuferin der Nonnen, dienen; deshalb sitzt sie ja auch im Licht. Doch aus heutiger Sicht, und wenn Sie den ‚proletarischen’ Bezug anführen, kann man es sicherlich in Ihrem Sinne deuten, dass eigentlich die im Schatten stehende Martha, die Arbeitende, Hauptperson ist, in dem Sinne, dass sie, von der Amtskirche aus gesehen, im Dunkeln bleibt.“

„Ich meinte ja nur...“

„Bitte entschuldigen Sie sich nicht, Herr Kommissar. Die Wirkungsgeschichte von Gemälden im Laufe der Jahrhunderte ist ein spannendes Kapitel der Kunstgeschichte. Und es spricht nichts dagegen, eine neue Seite aufzublättern.“

„Kann in dieser Interpretation möglicherweise das Motiv liegen?“

„Das Motiv für den Austausch des Originals gegen eine Kopie?“

Der Direktor dachte nach. Dann schüttelte der den Kopf. „Wäre mir als Motiv für einen Kunstraub, und um den handelt es sich hier ja, bisher nicht bekannt. Aber kennen wir eigentlich die wahrhaftigen Motive von einzelnen Menschen? Möglich? Möglich ist es durchaus.“

„Vielleicht kann uns ja der Kopist weiterhelfen. Wenn Sie mir seine Adresse geben könnten, sind wir nach meinem Besuch bei ihm vielleicht schlauer.“

„Gerne, Herr Kommissar. Doch ich möchte Sie eindringlich noch einmal bitten, wenn irgendwie möglich, nur den Personen, bei denen es unvermeidbar ist, Kenntnis von unserem Problem zukommen zu lassen.“

„Also, ich weiß nicht, ob ich meinen Chef von seinen geliebten Pressemitteilungen abhalten kann, aber versuchen will ich das gerne.“

 

5.

Es war ein sogenanntes gutbürgerliches Haus der Jahrhundertwende, in deren Fassaden der individuelle Stil der damaligen Bauherren und oft Hausherren zu Stein geworden war. Große überdachte Terrasse im Erdgeschoss, zum Garten hin, und eine großzügige Veranda im ersten Stockwerk.

Schon von weitem war zu erkennen, dass sich in der obersten Etage des Hauses ein Atelier befand. Die großen schrägen Glasfenster im ausgebauten Dach waren auch von der Straße aus gut zu erkennen und unterschieden schon allein dadurch dieses Haus von den danebenstehenden Gebäuden.

„Wenn man so etwas nicht geerbt hat, kann man bei meinem Gehalt von so einem Haus nur träumen“, dachte Lichtenberg bei sich, als er die beiden Klingelknöpfe betrachtete.

Beide sahen so aus, als wären sie, über die Jahrzehnte hinweg, die sie offensichtlich schon an diesem Platz befestigt waren, mit dem Untergrund eine innige Verbindung eingegangen.

‚Schorlemer’, stand auf dem unteren Schild, ‚Balthus’ auf dem oberen. Er drückte kurz auf den Knopf, der neben dem oberen Schild angebracht war. Das Klingeln im Haus hörte er bis auf die Straße.

Niemand öffnete. Er drückte noch einmal, diesmal länger, auf den Klingelknopf. Vergebens.

„Nun, wenn ich schon hier bin...“, und drückte auf den unteren Klingelknopf. Nichts passierte.

„Einen letzten Versuch...“. Lichtenberg wartete.

Als er sich gerade entschlossen hatte, zu gehen, wurde die Haustür geöffnet und ein alter Mann näherte sich dem Gartentor.

„Entschuldigen Sie, ich habe geschlafen, und Ihr Klingeln, glaube ich, nicht gleich gehört.“

„Nun, ich habe mich zu entschuldigen, dass ich Sie in Ihrer Mittagsruhe gestört habe.“

„Womit kann ich Ihnen dienen?“

„Mein Name ist Lichtenberg. Ich wollte eigentlich zu Herrn Balthus, doch da niemand öffnete, habe ich mir erlaubt bei Ihnen zu klingeln. Herr Schorlemer?“

„Beides, mein Herr, beides. Schorlemer und Balthus. Schorlemer ist mein Bürgername, Balthus der für die Kunst. Kommen Sie doch bitte herein.“

Er öffnete das Gartentor und Lichtenberg ging hinter ihm den kurzen Weg bis zur Haustür, tat es dem Hausherrn gleich, indem er sich sorgfältig die Straßenschuhe auf dem Eingangsgitter abputzte und betrat das Haus.

In der Eingangshalle blieb der Kommissar atemlos stehen. Das hatte er nicht erwartet.

Etwa zwanzig, so schätze er, alte Fahrräder hingen in dem großen Treppenhaus von der Decke herab. Der alte Mann bemerkte seine Verwunderung und sein Zögern im Weitergehen.

„Wie gefällt Ihnen meine Installation?“

„Ich bin etwas überrascht, wenn ich das so sagen darf.“

„Hätten Sie bei einem so ‚alten Knacker’ wie mir wohl nicht erwartet?“ Er grinste breit über das ganze Gesicht und freute sich über die offensichtliche Verwunderung.

„Nun, junger Mann, nun machen Sie mal den Mund wieder zu. Die Zeit dreht sich wie ein Rad. Nur bleibt sie immerwährend neu, während wir und unsere Technik veralten und verrosten. Kommen Sie, wir gehen ins Atelier, denn Sie wollten ja zu Balthus.“

Lichtenberg, seltsam berührt, mit seinen Mitte Vierzig ‚junger Mann’ genannt zu werden, stellte sich auf die Sicht des wohl Siebzigjährigen ein, und dann war das wohl berechtigt. „Es ist immer eine Frage der Wirkungsgeschichte und der Perspektive des Betrachters“, hätte der Museumsdirektor jetzt gesagt.

Das ganze Haus machte, ebenso wie der alte Mann, einen sehr gepflegten Eindruck. Keine der hölzernen Treppenstufen knarrte und das Atmen der beiden Männer beim Treppensteigen war das lauteste Geräusch im stillen Treppenhaus.

Die Nachmittagssonne schien durch die großen Glasfenster, als sie das Atelier betraten, und Lichtenberg schloss nach dem gedämpften Licht des Treppenhauses leicht geblendet die Augen.

„Häufig bin ich ja nicht mehr hier oben. Wenn man älter wird, dann wollen die Hände nicht mehr so richtig die feinen Pinsel führen. Aber“, er lachte, „glücklicherweise erlaubt einem die Kunst heute auch etwas gröbere Arbeiten.“

Das Atelier war beinahe leer.

„Was verschafft mir also die Ehre?“

„Ich wollte gerne ein altes Gemälde kopieren lassen und Sie wurden mir als der beste Kopist der Stadt genannt.“

„Oh ja, die alten Zeiten. Das war mein Broterwerb, alte Meister zu kopieren. In einer Stadt mit so vielen Museen und berühmten Gemälden gab es glücklicherweise immer genügend Aufträge.“

„Ihre Signatur ‚K. v. B.’ ist ja gut bekannt.“

„Das ist richtig. Ich habe meine Kopien immer signiert. Damit man sie nicht für das Original hält. In aller Bescheidenheit, manchmal wäre ich lieber in einem anderen Jahrhundert geboren worden. Dort wäre ich kein Kopist gewesen, sondern hätte die Originale gemalt. Doch nun, auch die Zeit des Kopieren ist vorbei.“

„Sie arbeiten nicht mehr?“

„Ich sagte doch, die Hände wollen nicht mehr. Und ich habe einen guten Ruf zu verlieren. Also lasse ich lieber die Hände davon.“

Lichtenberg wusste nicht recht weiter. Er hatte den Gesprächsfaden verloren und überlegte, welchen Weg er einschlagen sollte, ohne sein eigentliches Anliegen aufdecken zu müssen.

Der alte Maler half ihm ungewollt aus der Klemme.

„Welches Bild hätten Sie denn gerne kopiert gehabt?“

Christus bei Maria und Martha von Louis Silvestre.“

Der alte Mann schaute ihn nachdenklich an.

„Hat es einen besonderen Grund, dass Sie dieses Bild wollen?“

„Nein, das nicht, es gefällt mir sehr und da es keine Reproduktionen davon gibt, dachte ich mir... Aber warum fragen Sie?“

„Es ist das letzte Bild, das ich kopiert habe. Vor vier Jahren. Seitdem arbeite ich nicht mehr an Kopien der Alten Meister.“

Lichtenberg frohlockte. Er schien auf dem richtigen Weg zu sein und versuchte seiner Stimme einen möglichst unverfänglichen Ton zu geben.

„Und Sie können mir da jetzt nicht weiterhelfen?“

„Glaube ich nicht, junger Mann.“

Balthus schwieg und Lichtenberg wollte ihn wahrlich nicht dabei stören.

„Aber warten Sie, vielleicht gibt es doch eine Möglichkeit, wie Sie eine Kopie bekommen können. Mein damaliger Auftraggeber war auch bereits ein älterer Mann und vielleicht können Sie ihm die Kopie abkaufen, die ich damals für ihn gemalt habe, oder er vererbt sie Ihnen.“

„Sie wissen noch, für wen Sie die Kopie angefertigt haben?“

„Ja, doch.“ Der alte Maler stand auf und ging zu einem Arbeitspult, auf dem ein großer Foliant lag. Er suchte eine bestimmte Seite, las darin und wandte sich wieder zum Kommissar.

Beiläufig murmelnd: „Eigentlich hätte ich gar nicht nachsehen brauchen, wollte mich nur wegen der Adresse vergewissern“, setzte er sich wieder an den kleinen Tisch.

„Er war für Herrn Sommerfeld. Damals Museumswärter in der betreffenden Museumsabteilung. Vor gut vier Jahren, einige Monate, bevor er pensioniert wurde, hat er mich damit beauftragt.“

Balthus schien in Erinnerung versunken. „Ja, der Silvester Sommerfeld, er hatte ein besonderes Verhältnis zu seinen Bildern. Während meiner Arbeit im Museum stand er im Anschluss an seinen Dienst häufig hinter mir und passte auf, dass ich ja alles korrekt ausführte. Es wurde so eine meiner besten Arbeiten. Und wenn sie das Original und die Kopie nebeneinander sahen, Sie hätten nicht unterscheiden können, welches Bild das Original und welches die Kopie war.“

„Wenn der Mann wüsste, wie recht er hat“, dachte Lichtenberg bei sich.

„Leider habe ich selbst es nicht bis zur ‚Museumsreife’ gebracht. Wissen Sie, auch wenn manche Leute der Meinung sind, Museen seien die Leichenhallen der Kunst, für mich als Maler wäre es die höchste Anerkennung, so öffentlich gegenwärtig zu sein.“

Seine Stimme hatte einen wehmütigen Klang.

„Vielleicht nach meinem Tode? Diese Hoffnung kann jeder Künstler haben und mit ins Grab nehmen, denn es ist ja der Trost für die im Leben nicht Erfolgreichen, dass sie es nach ihrem Tode sein werden. Genügend Beispiele dafür gibt es ja.“

Eine kleine Sehnsucht wurde deutlich.

„Wissen Sie, Herr Kommissar, in das berühmteste russische Kunstmuseum, die Tretjakow-Galerie, da kommt erst hinein, wer gestorben ist. Als Lebendiger hat man da keine Chance.“

Lichtenberg bekam leichte Gewissensbisse, dass er dem Museumsdirektor versprochen hatte, nichts zu erzählen. Wie gerne hätte er dem alten Maler die Freude gemacht, ihm zu erzählen, dass er diese höchste Ehre bereits erreicht hatte. Er würde ihn sicherlich freuen.

Doch gleichzeitig war ihm bewusst, dass gerade diese Freude und der Stolz zu einer weiten Verbreitung der Information führen würde. Das war zu vermeiden.

„Junger Mann“, Balthus hob den Zeigefinger, um sich der Aufmerksamkeit des Kommissars sicher zu sein, „Sie werden es noch erleben!“

Lichtenberg nahm sich vor, dem alten Maler später einmal, wenn das Original wieder herbeigeschafft und etwas Gras über die Sache gewachsen war, zu erzählen, wie gut er tatsächlich war.

Jetzt räusperte er sich nur.

„Ich will Ihre Zeit nicht zu sehr in Anspruch nehmen, Herr Balthus. Wenn Sie mir die Adresse des Herrn Sommerfeld aufschreiben könnten?“

Der alte Mann murmelte zwar so etwas wie, „Dass die jungen Leute nie Zeit haben“, ging aber zu seinem Arbeitspult und schrieb die gewünschte Adresse auf.

„Grüßen Sie ihn von mir, den Sommerfeld. Der hat es auch nicht einfach im Leben gehabt.“

Damit begleitete er Lichtenberg durch das Treppenhaus hinaus zum Gartentor.

„Lassen Sie von sich hören, Herr Lichtenberg. Ich weiß nämlich gerne, wo sich meine Arbeiten befinden!“

„Sicher, Herr Balthus, das werde ich tun,“ versicherte der Kommissar und er wusste, dass er es ernst meinte

 

6.

Die aufgeschriebene Adresse stellte sich als einfaches Siedlerhaus heraus. Mitten in einer Häuserreihe, wie sie in den zwanziger Jahren als Modellsiedlungen gebaut worden waren.

„S. Sommerfeld“ stand auf dem Türschild, und auf sein Klingeln wurde ihm nach kurzer Zeit geöffnet. Ein großer, breitschulteriger Mann stand im Türrahmen und blickte den Kommissar interessiert fragend an.

„Entschuldigen Sie die Störung. Ich möchte gerne Herrn Sommerfeld sprechen.“

„Steht vor Ihnen. Worum geht es, bitte?“

Lichtenberg hatte sich nicht überlegt, wie er vorgehen wollte. Der Fall war zu ungewöhnlich, als dass er irgendeine spezielle Erfahrung gehabt hätte, welche Verhaltensweise am sinnvollsten sei. Als er nun vor diesem freundlichen Mann stand, wusste er, was er tun musste. Geradeaus.

Er griff in die Brusttasche seines Jacketts und zog seinen Polizeiausweis hervor. „Kriminalpolizei.“

Der Mann im Türrahmen stand wie erstarrt. Langsam wich ihm die Farbe aus dem Gesicht und er blickte Lichtenberg ausdruckslos an.

Dem Kommissar wurde die Situation zu unklar. Er blickte dem Mann gerade ins Gesicht und sagte nur ein Wort: „Silvester“.

Sommerfeld schlug darauf die Augen nieder und reagierte tonlos. Er wies mit der Hand ins Hausinnere: „Kommen Sie doch bitte herein.“

Im Wohnzimmer bot er dem Kommissar einen Sessel an.

„Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie draußen warten ließ. Ich ahnte zwar, dass mir nur eine bestimmte Zeit bleiben würde, doch ich hatte gehofft, dass es nicht ganz so schnell gehen würde, bis Sie, oder einer Ihrer Kollegen, mich besuchen würden.“

Damit ging er zu einer Wand mit vorgezogenen Vorhängen, hinter denen der Kommissar weitere Fenster vermutet hatte, und zog den Vorhang beiseite. „Ich muss sie ja beschützen.“

„Donnerlüttchen“, entfuhr es dem Kommissar.

Dort hing das Bild, das er finden sollte. So einfach hatte er es sich nicht vorgestellt.

Leise, beinahe flüsternd, antwortete Silvester Sommerfeld dem Kommissar: „Das Schicksal gewährt den Sterblichen nur eine begrenzte Zeit.“

Lichtenberg hatte gar nicht zugehört, so sehr war er auf das Gemälde konzentriert. Er wandte sich an seinen Gastgeber.

„Würden Sie mir bitte helfen, das Bild von der Wand zu nehmen?“

„Ja sicher doch. Ist ja auch richtig. Sie wollen sich sicher überzeugen.“

Sie hoben vorsichtig das Gemälde von der Wand und der Kommissar betrachtete die Rückseite. Dort stand es: „peint par Louis Silvestre à Dresde 1734“, so wie es ihm der Museumsdirektor beschrieben hatte.

Sommerfeld unterbrach seine Gedanken: „Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“

„Gerne. Für mich bitte schwarz.“

Während der ehemalige Museumswächter in der Küche wirtschaftete, blickte der Kommissar sich in Ruhe das Zimmer an.

Mit dem geöffneten Vorhang wurde der Raum in seiner Wirkung völlig durch das große Gemälde eingenommen. Der Raum war zweckmäßig und bequem eingerichtet, doch irgendetwas machte deutlich, dass die liebevolle Hand einer Frau fehlte. Vielleicht, weil alles zu zweckmäßig war?

Er blickte durch die Fenster in den kleinen Garten und überlegte, was diesen einfachen Mann, der einen ehrlichen Eindruck machte, wohl veranlasst haben könnte, einen Kunstraub zu planen, zu organisieren und schließlich erfolgreich zu realisieren. Immerhin keine leichte Aufgabe. Und wenn dieser interessierte Besucher nicht so genau hingeschaut hätte?

„Ich habe leider kein frisches Gebäck im Haus. Wenn Sie mögen?“ Damit stellte der Hausherr ein Tablett mit Tassen, Kaffeekanne und einen Teller mit Kuchenstücken auf den Tisch.

Er setzte sich in den gegenüberliegenden Sessel.

„Werden Sie mich jetzt verhaften?“

„So schnell wird niemand vorläufig festgenommen, Herr Sommerfeld. Es gäbe keine Begründung dafür. Sie sind geständig...,“ Sommerfeld nickte, „haben einen festen Wohnsitz...,“ wieder ein Nicken, „und wenn ich es richtig annehme, besteht keine Fluchtgefahr?“

„Nein.“

„Sicher, wo sollten Sie auch mit so einem großen Gemälde hin verschwinden.“ Er blickte Sommerfeld gedankenvoll an, der langsam den Kaffee eingoss. Nur ein genaues Hinsehen ließ ein Zittern seiner Hand erkennen.

„Sie heißen mit Vornamen Silvester, Herr Sommerfeld?“

„Ja. Mein Vorname ist Silvester.“

„Hat dieser Vorname irgendetwas mit dem Bild zu tun, das da an der Wand steht?“

„So könnte man sagen.“

Silvester Sommerfeld suchte nach Worten.

„Wissen Sie, ich bin nicht gewohnt, viel zu reden, und es ist eine lange Geschichte, die, wie soll ich sagen, die Geschichte meines Lebens. Wenn Sie sich die anhören wollen?“

„Wenn Sie mir den Gefallen tun wollen?“

Silvester Sommerfeld erzählte den ganzen Nachmittag, es wurde Abend darüber. Lichtenberg stellte nur wenige Zwischenfragen, rauchte seine dunklen Stumpen und trank Kaffee. Erst als die Straßenlaternen angingen, wurde ihnen gewahr, dass sie im Dunkeln saßen und Sommerfeld schaltete das Licht der Stehlampe ein.

Silvester schien froh zu sein, dem Kommissar von sich erzählen zu können.

„Was wird nun werden?“, fragte er schließlich.

„Das kann ich Ihnen auch noch nicht sagen. Ich werde morgen mit dem Museumsdirektor darüber sprechen und wir werden weiter sehen.“

Er blickte Silvester an, der ihm im Laufe der vergangenen Stunden immer sympathischer geworden war. Auch wenn es ein klarer Verstoß gegen die Vorschriften war, er hatte zu Silvester Sommerfeld Vertrauen gefasst und die Geschichte seines Lebens hatte ihn so berührt, dass er für sich entschied, das Bild nicht sicherstellen zu lassen.

Er deutete auf das Gemälde, das immer noch an der Wand stand. „Nun, dann wollen wir es mal wieder an seinen Platz zurückhängen“, forderte er den überrascht blickenden Sommerfeld auf. Der griff freudig zu und vorsichtig hingen sie die Befestigungsdrähte wieder über die Wandhaken.

„Ich komme morgen am Nachmittag wieder vorbei und werde Ihnen berichten, was sich ergeben hat. Versuchen Sie, zu schlafen. Ich werde ein gutes Wort für Sie einlegen.“

„Danke, Herr Kommissar. Und Gute Nacht.“

 

7.

Lichtenberg hatte diesmal seine Stumpen stecken lassen, saß in dem Besuchersessel des Museumsdirektors und berichtete vom Vortag. Von seinem Besuch bei Balthus und bei Silvester Sommerfeld.

„Manchmal fragt man sich, ob Eltern ahnen, welches Lebensschicksal sie ihrem Kind mitgeben, wenn sie ihm einen Namen geben.“

„Sie meinen Silvester Sommerfeld?“

„Ja, sicher. Lassen Sie mich seine Geschichte in Kurzfassung berichten, dann werden Sie verstehen, warum es zu diesem Kunstraub gekommen ist.“

„Soll ich Kaffee kommen lassen?“

„Gute Idee!“ Lichtenberg setzte sich zurecht und berichtete: „Er schätzte seine Arbeit über alles, der Silvester Sommerfeld. Als Kind hatte er manchmal unter den Hänseleien gelitten, wenn laut - im Chor - hinter ihm hergerufen wurde: ‚Silvester! Silvester!’. Die Erwachsenen schauten sich dann stets neugierig um, warum ein Kinderchor mitten im Juli ‚Silvester’ skandierte. Doch darüber aufgeklärt, lachten sie stets. Wie er befand, über ihn. So entwickelte er eine Abneigung, im Mittelpunkt zu stehen und ging eher an die Seite, als dass er sich vordrängte.

Konnte er etwas dafür, dass er gerade am 31. Dezember geboren worden war und seine Eltern nichts dabei fanden, ihn so zu nennen? Andere Eltern, so erklärten sie ihm immer auf seine Frage, deren Kinder am 24. Dezember geboren seien, würden ihre Kinder auch Christian, Melchior oder Balthasar nennen, das sei genauso, und wer wolle sich denn seines Geburtsdatums schämen?

Abkürzungen seines Namens mochte er nicht und so fand der Versuch gutmeinender Freunde, die um sein Leid wussten, ihn Silvio zu nennen, keinen Anklang bei ihm und es blieb bei dem unglücklichen Silvester.

Das änderte sich an dem Tag, als er mit seinem Vater Ihr Museum besuchte und er eher gelangweilt an der Hand seines Vaters mit trottete. Alles riesige Ölgemälde, und als Kind erschienen sie ihm noch größer, mit alten Männern und Frauen und Landschaften und alle mit Perücke, nicht alle, die Landschaften natürlich nicht, aber die Männer. Die Frauen trugen seltsamerweise kaum Perücken, nur kunstvolle Frisuren, wie er sie bei seiner Mutter noch nie gesehen hatte. Aber wer wollte das schon verstehen.

Und während der Museumsführer über die Bilder erzählte, war er nicht beim Zuhören. Er wollte hinaus in die Sonne, wollte nicht bei diesen großen Bildern sein müssen. Sein anfängliches Interesse, dass auf den Bildern Könige und Königinnen abgebildet seien, erlosch bald, denn das konnte ja nicht stimmen. Keiner von ihnen trug eine Krone.

„Hier!“, rief er laut, als der Museumsführer seinen Namen nannte und er aus seinem Dösen aufschreckte.

Alle Besucher hatten sich zu ihm umgedreht und lächelten. Er hätte im Boden versinken können, und dass sein Vater, der seine Verlegenheit bemerkte, stolz verkündete: „Mein Sohn heißt auch Silvester. So wie dieser berühmte Maler!“, machte es für ihn eher schlimmer, als dass es ihm half.

Die Besucher drehten sich wieder zu den Bildern und der Knuff seines Vaters „Döskopp, schlaf nicht im Stehen!“, ließ ihn vollends wach werden.

„Ja, Damen und Herren, der berühmte Silvestre hat diese Bilder gemalt und so wissen wir heute noch, wie König August II. und König August III. aussahen, denn die Fotografie wurde bekanntermaßen ja erst später erfunden. Und wie gelungen hat dieser Maler die Majestät unseres August dargestellt! Alles, was wir über König August lesen können, ist nichts dagegen, wie dieser Silvestre ihn gemalt hat und wie er alles darstellen konnte, was unter der Oberfläche nur sichtbar war. Diese Bilder grenzen unsere Vorstellungskraft nicht ein, sie beflügeln sie und öffnen uns, den Nachgeborenen, das Tor zur Vergangenheit!“

Mit beifälligem Gemurmel „Für wahr“, und „Welches Glück, das uns diese Bilder erhalten geblieben sind“, stimmten die Besucher dem Museumsführer zu. Alle gingen weiter.

Nur Silvester blieb wie angewurzelt stehen. Keiner hatte gelacht, keiner hatte über den Namen Silvester gelächelt, von wegen: „Jetzt ist doch gar kein Silvester“.

Er schaute auf die Tafeln, die unter den Bildern angebracht waren, um sich zu vergewissern, dass er richtig gehört hatte. Tatsächlich, so stand es dort zu lesen: „Silvestre der Jüngere. Noli me tangere. 1735“.

Und auf der Tafel des nächsten Bildes der gleiche Name.

Nacheinander ging er alle Bilder ab, er schaute nicht auf die Bilder, nur auf die kleinen Tafeln, und auf allen stand sein Name.

Es schien ihm zwar seltsam, dass sein Name nicht ganz richtig geschrieben worden war, es sollte ihm jedoch recht sein, wenn das ‚r’ nicht immer am Ende stehen wollte und deshalb mit dem ‚e’, welches leid war, immer irgendwo eingeklemmt zu stehen, einfach die Plätze getauscht hatte. Es war sein Name und alle hatten ihn bewundert.

Das Unglück seines Namens hatte sich für ihn gewandelt. Er wurde gegenüber allen versuchten Hänseleien unempfindlich und so wurden die Versuche immer seltener, bis sie schließlich ganz aufhörten.

Immer, wenn er Zeit hatte, besuchte Silvester nun das Museum mit den ‚Alten Meistern’, wie sie voller Hochachtung genannt werden.“

Lichtenberg unterbrach seine Erzählung und trank nachdenklich seinen Kaffee.

„Nein, das war nicht ganz richtig, er besuchte nur diesen einen Raum. Die anderen vielen Räume waren nur Durchgang für ihn, Durchlass zu diesem Raum. Eine einzige Ausnahme davon bestand im Entree, aber davon sollte er erst später erfahren, dort hing das bekannteste Bild Silvestres, von dem der Museumsführer seinerzeit gesprochen hatte: König August II. von Polen zu Pferde.

Solange er klein genug war, brauchte er keinen Eintritt zu bezahlen und hatten die Museumswärter ihn anfangs sehr aufmerksam und kritisch beobachtet, verwundert über sein frühes Interesse an den ‚Alten Meistern’, so wurden sie bald gewahr, dass er stets ohne einen weiteren Blick durch die Räume eilte, nirgends verweilte, weder vor den Raffaels, noch den Rubens, den Dürern, den Cranachs und wie sie alle mit noch berühmteren Namen hießen, stets ging er nur bis zu ‚seinem’ Raum und saß dort still, sah sich die Bilder an und nur manchmal, als ob er etwas vergessen hätte, las er die darunter angebrachten kleinen Tafeln, die er doch schon alle auswendig konnte, und dann nach einiger Zeit wieder schnurstracks das Museum verließ.

Er war ein gern gesehener Gast, still, unauffällig, und nur, wenn er eine Woche nicht kommen konnte, fragten die Wärter sich, ob etwas mit ihm passiert sei. Doch die Woche darauf kam er wieder, lächelte sie still an und sie waren es zufrieden.

Als er älter wurde und Eintritt hätte bezahlen müssen, fand er heraus, wann die Eingangskontrollen ‚Wachablösung’ hatten und wie er unbemerkt an ihnen vorbeikam.

Die Museumswärter hatten sich inzwischen angewöhnt, bei Dienstschluss immer noch einmal extra in ‚seinen’ Raum zu schauen, ob er noch da saß, nachdem er einmal beinahe eingeschlossen worden wäre und nur die Putzkolonne, nach Schließung des Museums, ihn dort entdeckt hatte.

Selten beteiligte er sich an den Unternehmungen seiner Alterskameraden und obwohl er sich freundlich, selbstbewusst verhielt und ihn viele Menschen mochten, hatte er nur wenige Freunde.

Hätte man ihn gefragt und hätte er um sich selbst gewusst, dann hätte er wohl gesagt: ‚Die Bilder sind meine Freunde’. Er kannte sie genau, alle, im Laufe der Jahre, zu allen Licht- und Tageszeiten, zu allen Jahreszeiten, und sie enttäuschten ihn nie. Wenn er etwas Neues an ihnen entdeckte, so wurde die Bindung nur noch intensiver.

Mittlerweile war seine Gewohnheit bekannt geworden und wenn es auch niemand so recht verstehen konnte, akzeptierten ihn alle, die davon wussten, denn wem schadete er dadurch? Andere versonnene Knaben gingen angeln, warum sollte er nicht ins Museum gehen?

Er brauchte sich auch nicht mehr an der Eingangskontrolle vorbeizudrücken. Die Aufsichten begrüßten ihn freundlich mit seinem Namen und fragten nicht nach seiner Eintrittskarte.

So überraschte es niemanden, als er nach Abschluss der Schule den Wunsch äußerte, Museumswärter werden zu wollen und sich bewarb, als eine Stelle frei wurde.

Es verwunderte den damaligen Direktor, dass er die Bitte äußerte, genauer gesagt, die Bedingung stellte, nur in dem Bereich zu arbeiten, der ‚seinen’ Raum mit einbezog. Er sprach zwar nicht von ‚seinem’ Raum, doch er umgrenzte die Räume sehr genau: fünf Räume, das war das normale Revier eines Museumswärters, und nur wenige wussten, dass ‚sein’ Raum dabei war. Die älteren Wärter, die um ihn wussten, stimmten zu, dass er dieses feste Revier bekam, sprachen für ihn, so dass Ihr Vor-Vorgänger als Direktor zustimmte.

Er schätzte seine Arbeit über alles, der Silvester Sommerfeld. Besonders die Morgenstunden. Betrat er das Museum grüßte er „Guten Morgen, August 2“ nach rechts und nach links „Guten Morgen, August 3“. Nur an ihren Sterbetagen, am 1. Februar und am 5. Oktober, blieb er jeweils kurz stehen, blinzelte das Gemälde des betreffenden Kurfürsten und Königs an und sagte leise: „Nu, Majestät, wie geht es uns? Na ja, älter werden wir alle, das ist menschlich“. Dann stieg er die Stufen hinauf, zur Lichtkuppel, in das Himmelreich der Kunst, dann die Treppe hinauf in den zweiten Stock und betrat seine Seite, grüßte „Guten Morgen, Martha“ und überprüfte, ob alles so war, wie er es am Abend verlassen hatte.

Hier war sein geistiges Zuhause, sein Refugium und er genoss die Zeit bis zur Öffnung des Hauses für die Besucher. Dann war er in seiner ihm eigenen Welt.

Nein, er hatte nichts gegen Besucher, solange sie kamen und wieder gingen. Er blieb.

Er und seine Martha. Dieses Bild hatte er lieb gewonnen, diese Frau, die so erwartungsvoll dastand und im Halbdunkel zu bleiben hatte. Alle Besucher schauten auf Jesus und Maria, für ihn war nur allein Martha wichtig.

Ihr konnte er seine Sorgen anvertrauen und geduldig hörte sie ihm zu. Es störte ihn nicht, dass sie nicht antworten konnte, stumm blieb. Zu sehr hatte er für sich erfahren, dass man nur sich selbst eine Antwort geben kann, der andere Mensch nur Medium ist, um zu sich selbst zu finden. Dieses Medium war für ihn Martha.

Kamen dann die Besucher, beobachtete er sie vorsichtig freundlich und war stolz, falls sie Silvestre lobten. Es berührte ihn, wenn fremde Menschen mit Respekt von ihm sprachen.

Die Jahre vergingen und im Laufe der Zeit waren die alten Kollegen, die um seine Jugend und seine Eigenart wussten, in Pension gegangen.

An den Todestagen der Auguste wurde ihm jedes Jahr deutlicher, um wie viel schneller er selbst alterte. Die Gemälde waren schon zweihundertfünfzig Jahre alt und hatten noch ein langes Leben vor sich. Sie hatten Kriege überstanden und waren immer wieder heimgekehrt in ihr Haus. Er wurde sich ihrer Unsterblichkeit bewusst und wenn er darüber zu Martha sprach, konnte sie ihm keine Antwort geben.

Das tat seiner Liebe zu ihr keinen Abbruch. Unsterbliche reden nun einmal nicht mit Sterblichen. Solange er nur zu ihr reden konnte, würde ihm das genügen.

Auch als die Bilder in ein anderes Museum ausgelagert wurden, da das Gebäude der ‚Alten Meister’ dringend restauriert werden musste, begleitete Silvester Sommerfeld sie.

Unmerklich rückte er im Laufe der Jahre die Abstandskordel, die den Besucher auf Distanz zu den Bildern hielt, langsam immer mehr in den Raum hinein.

Es war eine Millimeterarbeit. Nicht einmal die Putzkolonnen bemerkten die langsame Veränderung. Silvester wollte immer mehr, dass die Besucher sich seiner Martha immer weniger nähern konnten.

Silvester Sommerfeld hat nie geheiratet. Es hatte zwar Frauen in seinem Leben gegeben, doch alle waren an seiner Liebe zu Martha gescheitert. Er hatte keinen Streit mit ihr, es gab keine Unstimmigkeiten. Stets hörte sie ihm geduldig zu, ohne ihn zu unterbrechen. Dagegen konnte keine sterbliche Liebe ankommen. Wenn es zum ersten heftigem Streit kam, trennte er sich von der leiblichen Frau.

Als vor vier Jahren Ihr Vorgänger eines Tages zu Silvester freundlich bemerkte, dass er nun ja bald den wohlverdienten Ruhestand erreicht habe, legte sich ein Schatten auf sein Leben.

Er wusste nicht, wie er es Martha sagen sollte, dass er nun bald nicht mehr ständig bei ihr sein konnte.

Auch wenn er nach seiner Pensionierung noch häufiger kommen konnte, so häufig wie er wollte, ging es nicht. Zum Gespött der Kollegen zu werden, das war nur die eine Seite. Wichtiger, beinahe schmerzlicher, die Zukunft, das Fehlen der Stille, morgens, bevor die Besucher kamen, in der er ihr alles erzählen konnte.

Nun stand er da und wusste nicht, wie er es ihr sagen sollte.

Während er so, in Gedanken versunken, vor den Bildern hin- und herwanderte, hörte er eine leise Frauenstimme: „Silvester?“.

„Ja, Martha.“

Ohne Erstaunen sprach Silvester so, denn wer sollte hier anderes mit ihm sprechen, als seine Frau.

„Silvester, nimm mich mit. Ich bitte dich, nimm mich mit zu dir.“

„Sicherlich, wenn es dir recht ist.“

Er selber hätte nicht gewagt, an diese Möglichkeit zu denken. Zu bitter wäre es für ihn geworden, wenn aus dem Gedanken keine Realität werden würde und überhaupt, er konnte sie doch nicht einfach mitnehmen. Vielleicht wollte sie es gar nicht. Und was tat diese wunderbare Frau im Schatten? Das erstemal in all den Jahren, in denen er mit ihr sprach und ihr erzählte, und es zufrieden gewesen war, wenn sie ihm nur zuhörte, das erstemal, als er eine Antwort von außer sich selbst brauchte, da sprach sie zu ihm.“

Kommissar Lichtenberg machte eine lange Pause.

„Der Rest sind die eher, wie soll ich sagen, die technischen Aspekte. Er ließ sich von Balthus, den er von seinen früheren Kopierarbeiten im Museum her kannte, eine Kopie anfertigen. Wie Balthus mir erzählte, wurde es mit Hilfe von Sommerfeld, der ihm genauestens auf die Finger schaute, eine seiner besten Arbeiten.“

Der Direktor unterbrach den Bericht.

„Aber wenn er die Kopie bereits hatte anfertigen lassen, und diese Kopie so gelungen war, warum hat er sie dann gegen das Original ausgetauscht? Das kann ihn doch seine Pension kosten!“

„Das habe ich ihn auch gefragt, und wissen Sie, was er mir geantwortet hat? Der Kopie fehle der Geist, er könne nicht mit ihr sprechen, wie mit dem Original.“

„Vielleicht beschreibt Sommerfeld genau das, was wir in der Kunst suchen? Ein geistiges Gegenüber zu uns selbst?“

Beide Männer schwiegen.

Nach ein paar Minuten unterbrach der Kommissar die Stille.

„Man kann auch nicht davon ausgehen, dass er vorsätzlich gehandelt hat. Es war nicht von vorneherein sine Absicht gewesen, die Kopie gegen das Original auszutauschen. Erst als die Kopie fertig war, wurde für ihn das Problem des Empfindens offensichtlich. Alle Restauratoren und auch Balthus selbst bewunderten die Kopie, sie war ihm außerordentlich gut gelungen, wie wir wissen. Nach Dienstschluss ging Silvester, wie stets während der Kopierarbeit, in den Restauratorenraum, wo das Original hingebracht worden war und Balthus gearbeitet hatte. Alles war bereits für den Abtransport der Kopie vorbereitet. Das Original stand in der Nähe der Tür zu den Ausstellungsräumen. Der Kurator hatte bereits angewiesen, dass es am nächsten Morgen wieder in den Rahmen gesetzt und an seinen Platz zurückgebracht werden sollte, und die Kopie stand am Fahrstuhl. Die Schutzfolie für den Transport lag daneben bereit. Silvester war allein in dem Raum.“

Professor Heinrich unterbrach den Kommissar: „Aber das geht doch nicht. Das ist ein glatter Verstoß gegen die einfachsten Sicherheitsbestimmungen dieses Hauses!“

Lichtenberg ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Herr Direktor, Sie haben ja Recht! Allerdings entspricht die Lebenspraxis manches Mal nicht den Sicherheitsbestimmungen. Silvester war im Haus bekannt und beliebt und er war ja auch der Auftraggeber von Balthus, was alle zusätzlich respektierten. In seinen Pausen und nach Dienstschluss war er im Restauratorenraum, um Balthus bei der Arbeit zuzusehen und ihn gegebenenfalls zu korrigieren. Es war für alle normal geworden, dass er anwesend war und es wurde nicht mehr registriert, dass er kam und ging. Sie wissen doch selbst, dass die Wächter in der Museumshierarchie recht weit unten angesiedelt sind.“

Professor Heinrich war ungeduldig. „Ja, ja. Aber was hat Sommerfeld dann getan?“

„Sie werden es nicht glauben, er hat das Original neben den Fahrstuhl und die Kopie neben die Tür zu den Ausstellungsräumen gestellt. Über das Original hat er dann noch die Schutzfolie drapiert.“

„Hat er denn dabei kein Unrechtsbewusstsein gehabt?“

„Tja, das habe ich ihn auch gefragt. Seine Antwort war einfach. Er wollte das Schicksal entscheiden lassen. Es war sozusagen ein Angebot an Martha, ob sie ihn tatsächlich begleiten wollte. Falls es sich realisierte, war es richtig, falls nicht, hatte eben irgendjemand nicht aufgepasst und alles wäre ohne Probleme für ihn wieder rückgängig gemacht worden.“

„Und?“

„Lichtenberg trank einen großen Schluck Kaffee und lächelte den Direktor im Wissen um seine Antwort nachdenklich an.

„Am nächsten Morgen wurde dann die Kopie gerahmt und das Original verpackt.“

„Und dabei hat niemand etwas bemerkt? Niemand?“

„Offensichtlich, nein. Es war doch auch alles in Ordnung und nichts Auffallendes zu bemerken! Und ihre Facharbeiter sind doch auch keine Kunsthistoriker. Und auch denen ist nichts aufgefallen. Was hätte ihnen auch auffallen sollen? Am Schreibtisch sitzend, sieht die Welt oft geordneter und vernünftiger aus, als sie tatsächlich ist.“

Während Lichtenberg fortfuhr, blickte der Direktor gedankenverloren aus dem Fenster.

„Im Museum achtete er dann darauf, dass das Bild mit der Rückseite immer zur Wand stand, so dass niemand die fehlende Beschriftung bemerken konnte.“

Professor Heinrich war offensichtlich bestürzt.

„So einfach war das?“

„Einfach ist vielleicht nicht ganz richtig. Sommerfeld hatte ausgezeichnete Orts- und Terminkenntnisse, gehörte selber gleichsam ‚zur Familie’, hatte in der Hierarchie des Hauses keinen bemerkenswerten Platz und konnte immer anwesend sein, ohne sich dadurch verdächtig zu machen. Und im Endeffekt fehlte ja nichts. Es war also eine einmalige Sondersituation, die nur einer der Museumsleute selber so vergleichsweise einfach für sich nutzen konnte. Ihrem Vorgänger kann man da nichts vorwerfen.“

Lichtenberg setzte nach: „Gegen Schicksalsentscheidungen gibt es nun einmal keine Sicherheitsvorkehrungen.“

„Na! Nachgeholfen hat er wohl dabei aber doch. Nun sagen Sie nicht auch noch, dass er unschuldig sei.“

Darauf konnte Lichtenberg dem Direktor keine Antwort geben.

„Ich habe ihm gesagt, dass ich heute mit Ihnen sprechen würde und dann bei ihm vorbeikomme, um zu berichten, was sich ergeben hat.“

„Mmh“, Heinrich dachte nach.

„Wohnt er sehr weit entfernt?“

„Mit dem Auto etwa zehn Minuten.“

„Gut! Lassen Sie uns zu ihm fahren. Es ist mir jetzt wichtiger, dass wir die Angelegenheit regeln, als hier am Schreibtisch zu sitzen. Und wenn ich selber mit Ihnen fahre, können wir die bisherige Diskretion leichter bewahren, als wenn wir noch jemand anderen hinzuziehen.“

 

8.

Silvester Sommerfeld war nicht überrascht, als der Kommissar nicht alleine kam. Er wusste sofort, wer der Mann war, der Lichtenberg begleitete: „Auch wenn ich mir andere Umstände gewünscht hätte, Sie kennen zu lernen, Herr Professor, freue ich mich. Sie sind ja erst nach meiner Zeit Direktor geworden und so habe ich Ihr Bild nur in der Zeitung gesehen.“

„Wir kümmern uns offensichtlich zu wenig um unsere ‚Ehemaligen’. Danke für die Kritik. Ich will versuchen, das zu ändern.“

Jetzt mischte sich Lichtenberg doch ein, um die Befangenheit der beiden Männer zu lösen.

„Würden Sie uns bitte das Bild zeigen, Herr Sommerfeld?“

„Natürlich. Entschuldigen Sie bitte. Kommen Sie bitte durch in mein Wohnzimmer.“

Er zog den Vorhang beiseite und der Direktor prüfte das Bild sehr sorgfältig. „So wie ich das jetzt oberflächlich beurteilen kann, ist es tadellos in Ordnung.“

„Darauf können Sie sich verlassen, Herr Professor. Ich habe es immer gehütet wie einen Augapfel. Es wäre das Schlimmste für mich gewesen, wenn dem Bild irgendetwas passiert wäre.“

„Verstehe ich, Sommerfeld. Aber wie hatten Sie es sich eigentlich gedacht? Wollten Sie das Bild irgendwann einmal dem Museum zurückgeben?“

Statt zu antworten ging Silvester an den kleinen Schrank, der neben dem Fenster in der Ecke stand, zog eine Schublade auf und entnahm ihr einen Umschlag, den er dem Professor übergab.

Auf der Vorderseite stand gut lesbar: „Mein Testament“.

„Bitte öffnen Sie den Umschlag und lesen Sie bitte selbst, was ich mir gedacht habe.“

Professor Heinrich tat, worum Silvester ihn gebeten hatte und überflog die Zeilen. Er blickte auf und sah Silvester an.

„Sie sind ein ehrlicher Mann, Herr Sommerfeld, das ehrt Sie. Leider haben Sie aber eins vergessen. Wenn wir so verfahren würden, wie Sie es verfügt haben, würde die ganze Angelegenheit öffentlich bekannt werden. Denn dass das Bild nach Ihrem Tode dem Museum übergeben werden soll ist ja in Ordnung, doch der Testamentsvollstrecker, Ihre Verwandten und alle, die davon hören, werden Fragen stellen, wie das Bild in Ihren Besitz gekommen ist, wieso das Museum erlaubt hat, dass ein Original entfernt wird und im Museum eine Kopie hängt, die alle als das Original betrachtet haben. Nein, so geht es leider nicht.“

Wieder mischte sich nun Lichtenberg ein.

„Halten wir einmal fest: Es ist kein wirtschaftlicher Schaden entstanden, da das Bild unbeschädigt ist. Herr Sommerfeld leugnet nichts und hat dafür Sorge getragen, dass das Gemälde nach seinem Tode wieder dem Museum zugeführt wird. Soweit richtig?“

Er schaute den Direktor fragend an.

„Soweit richtig. Aber worauf wollen Sie hinaus?“

„Es liegt in diesem Fall, will ich mal so sagen, kein Kunstraub vor, sondern eher so etwas zwischen groben Unfug, Betrug und arglistiger Täuschung. Da Herr Sommerfeld nicht vorbestraft ist, wird er wegen derartiger, eigentlich kleiner Delikte, wenn er überhaupt bestraft werden sollte...“

„Ich möchte nicht, dass Herr Sommerfeld bestraft wird, ich möchte einen Weg finden, wie wir das Gemälde ohne Aufsehen wieder in das Museum zurückbringen können.“

Silvester, der bisher geschwiegen hatte, und dem ein Stein vom Herzen gefallen war, als deutlich wurde, dass beide Männer nicht an einer Strafverfolgung interessiert waren, meldete sich nun zu Wort.

„Vielleicht auf dem gleichen Weg, wie ich es seinerzeit herausgeschmuggelt habe?“

Der Direktor schaute Sommerfeld ohne Verständnis an, während der Kommissar hell auflachte.

„Da haben wir den Straftatbestand aus dem Mund des Täters vernommen: Schmuggelei!“ Er amüsierte sich offensichtlich.

„Aber wie sollte das denn möglich sein, ein Bild ‚zurückzuschmuggeln’?“

„Herr Professor, Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht!“

„Wie?“

„Also, Sie leihen doch manchmal Bilder an andere Museen oder für Sonderausstellungen aus?“

„Ungern und selten.“

„Nun geben Sie Ihrem Behüterinstinkt einen kleinen Schubs und fragen doch einmal bei ihren Kollegen an, ob die nicht eine Ausstellung machen wollen, zu einem Thema, für das Sie auch Bilder Silvestre’s mitgeben könnten. Damit bekämen Sie das Bild mit gutem Grund aus dem Museum heraus und wenn Sie und Herr Sommerfeld gut zusammenarbeiten, wird es ihnen doch nicht schwer fallen, die Bilder wieder auszutauschen.“

„Das brauchte ich gar nicht zu provozieren. Bei mir gehen ständig Anfragen ein, die ich normalerweise abschlägig beantworte. Unter den derzeit vorliegenden Anfragen sind auch tatsächlich zwei dabei, die sich auf Bilder des Barocks beziehen.“

Er wandte sich an Silvester.

„Sie wären dabei?“

„Ja sicher, da kann ich Sie fachmännisch einschlägig beraten.“

In dem Lachen aller drei Männer löste sich ihre Spannung und der Direktor besprach sich mit Silvester, wie sie miteinander in Kontakt blieben. Als die beiden ins Fachsimpeln kamen, verabschiedete sich der Kommissar: „Hier werde ich jetzt ja wohl nicht mehr gebraucht.“

 

9.

Drei Monate später kam Kommissar Lichtenberg am Museum vorbei und entschied sich, den Direktor aufzusuchen, um zu fragen, ob alles bereits ‚über die Bühne gegangen sei’.

„Über die Bühne gegangen ist gottlob nichts.“

Der Professor lächelte amüsiert.

„Alles geschah ganz still und heimlich. Sie hätten mich, Herrn Sommerfeld und die beiden Restauratoren, die ich einweihen musste, sehen sollen, wie wir nach detaillierter Planung die beiden Bilder auf dem Transport - LKW ausgetauscht haben. Das hätte ich auch nicht gedacht, dass ich einmal sozusagen als ‚Kunst-Rück-Räuber’ aktiv sein würde.“

Die Erinnerung an das gelungene Räuberstück bereitete ihm offensichtlich noch in der Erinnerung Vergnügen.

„Ist also alles korrekt gegangen?“

Der Direktor verstummte auf diese Frage.

Nach einigem Nachsinnen blickte er den Kommissar fragend an. „Ob es korrekt war? Ich weiß es nicht. Vor nun acht Wochen haben wir den Austausch organisiert, das ist korrekt, ja. Aber...“, und ohne weiter zu sprechen nahm er aus seiner Schublade einen Zeitungsausschnitt, den er dem Kommissar zum Lesen reichte.

„Diese Anzeige erschien vor vier Wochen.“

Lichtenberg sah eine Todesanzeige vor sich.

„Plötzlich und unerwartet verstarb unser Onkel Silvester Sommerfeld. Niemand weiß, woran sein Herz zerbrach.“

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