Multadeus

 

Nun könnte man sicherlich meinen, der faule Macho auf dem Finnjet hätte, statt einen Brief zu schreiben, schließlich auch telefonieren können, dann hätte er auch ihre Stimme gekannt. Nun steht er da mit seinem Wissen, dass er der Gelackmeierte ist.

Aber, es ist seltsam, was hat sich eigentlich in seiner Erinnerung verschoben? Man liebt nur das, was man von dem anderen weiß, genauer, was man annimmt, von ihm zu wissen – und dann bekommt man eine Information, die alles auf den Kopf stellt? So etwas soll es geben.

 

1.

Außenwelt. Die Untergrundbahn drängte die Wärme, die sie bei der Einfahrt in den Tunnel verlassen hatte, vor sich her in die unterirdische Kühle des Tunnelsystems der Stationen.

Christa wandte ihr Gesicht dem warmen Luftstrom entgegen, mit dem der erste Waggon des Zuges aus dem Dunkel des Tunnels in das Licht des Bahnhofs einfuhr.

Wie an jedem Morgen jedes Werktages wartete sie an dem Ende des Bahnsteigs, den der einfahrende Zug immer als erstes erreichte. Dort war der warme Luftstrom noch zu spüren, bevor er sich in der Weite der Bahnhofshalle mit der kühleren Luft vermischte und sich dann verlor.

Die Poren der Haut, die sich während dieser heißen Sommertage in der Kühle des Untergrundbahnhofs entspannt verengt hatten, öffneten sich jedes Mal lustvoll in dem wärmendem Luftstrom, den der Zug von der Sonne her mit sich brachte.

Christa schloss die Augen, überließ sich den Empfindungen ihrer Haut, lächelte: Ist es heiß, will man’s kühler, ist es kühler, möchte man’s wärmer, dachte sie. Es ist der Reiz des Wechsels und des Unterschiedes, ging ihr durch den Sinn, als sie wieder die Augen öffnete.

Die meisten Waggons des Zuges waren schon an ihr vorbeigelärmt. Wie erwartet, kamen die hinteren Türen des letzten Waggons genau vor ihr zum Stehen. Sie hatte Wochen gebraucht, um diesen exakten Standort herauszufinden, für sich festzulegen.

Von der Markierung des Kurzzugs an der Tunnelwand, dort wo das Band der schwarz-weißen Markierungskacheln endete, hatte sie die Fugen der Steine in der Bahnsteigkante gezählt, um diesen Standort herauszufinden, bis sie eines Tages feststellte, dass die Fuge zwischen den langen Steinen der Bahnsteigkante an dieser Stelle eine ausgeschlagene Stelle hatte, die sie von allen anderen geraden Fugen unterschied. Also konnte sie das Zählen unterlassen, brauchte sich nur auf diese ausgeschlagene Fuge zu konzentrieren, um keine weiteren Schritte machen zu müssen, wenn die Waggons der Untergrundbahn zum Halten gekommen waren.

Lag es in der Ökonomie ihrer Arbeit als Architektin, nichts dem Zufall zu überlassen, sondern geplant, bewusst einen Standpunkt zu berechnen? Es war ihr egal. Sie trat zwei Schritte vor, sie hätte auch blind sein können, streckte die Hände nur geradeaus nach vorne und schob die Griffe der Türverrieglung nach beiden Seiten zurück.

Wie jeden Morgen spürte sie ihren Herzschlag schneller werden und wie sich ihr Atem beschleunigte. Sie betrat den Waggon, zwei Schritte und ihre aufkeimende Frage fand sogleich ihre Besänftigung. Sie schnaubte leise, schluckte erleichtert: Der Weiße saß, wie jeden Morgen an den vergangenen Werktagen der vergangenen Wochen, in diesem Waggon.

Stets saß er in der dritten Sitzbank, von der Tür aus gezählt, am Fenster, das auf dieser Station zur Tunnelwand zeigte, blickte gegen das dunkle Glas der Scheiben: Der ‚Weiße‘. So hatte sie diesen Mann für sich genannt.

Ihr anfängliches Befremden, als sie ihn vor ein paar Wochen, es musste Anfang Mai gewesen sein, zum ersten Mal auf ihrer Fahrt zur Arbeit erblickte, hatte sich im Laufe der Tage, der Wochen in Sympathie, in eine für sie nicht erklärliche Aufgeregtheit gewandelt.

Stets saß er in der dritten Sitzbank, von der Tür aus gezählt, am Fenster zur Tunnelwand. Stets hatte er dieses weiß geschminkte schmale Gesicht, zu dem der flache schwarze Hut, den er stets trug, das schulterlange schwarze Haar, das sein Gesicht umrahmte, einen krassen Kontrast bildeten. Stets hatte er einen kleinen Koffer bei sich, den er auf seinen Knien abgestellt, mit beiden Händen umfasst hielt.

Man hätte ihn für eine Schaufensterpuppe halten können, wie er so unbeweglich auf seinem Platz saß, den Kopf nicht umwandte, nur in das Dunkel der Fensterscheibe blickte.

Erst im Laufe der Tage, nachdem sie ihre Scheu überwunden hatte, zu ihm hinüberzublicken, bemerkte sie, dass die dunkle Scheibe, in die er stets so unbewegt schaute, der Spiegel für seinen Blick zu ihr war. So hatten sie sich stillschweigend geeinigt, sich jeden Morgen in der dunklen Spiegelung der Tunnelwand zu begegnen.

Christas erster Blick an diesem Morgen, wie jeden Morgen seit ihrer ersten Begegnung, betrachtet seinen Mund, und als sie das feine Lächeln in den Mundwinkeln erkennt – erst dann, nicht vorher –, blickt sie auf den Sitzplatz der ersten Sitzreihe auf der Bahnsteigseite in Fahrtrichtung, ‚ihren‘ Platz, wie sich herausgestellt hatte.

Heute ist es eine Margerite, die dort für sie liegt. Das kraftvolle Grün der Blätter, das intensive Gelb der weichen Blüten lassen den dunkelblauen, harten Plastikschalensitz noch lebloser, künstlicher erscheinen, als er es alleine schon ist.

Wie jeden Morgen umrundet Christa mit wenigen Schritten die Rückwand der Sitzbank, die seitliche Haltestange zur Wagenmitte, nimmt die Blume auf, setzt sich auf ihren Platz.

Dann, mit dem Anfahren der Untergrundbahn, sucht sie seinen Blick in der dunklen Spiegelung der Wagenscheibe, lächelt ihn an, schließt kurz die Augen, zwei Wimpernschläge lang, er antwortet ihr mit einem unmerklichen Zwinkern des rechten Auges.

Dann lehnt sie sich etwas seitlich zurück, so, dass sie mit dem Haar die Waggonwand berührt, ist ganz bei sich, genießt dieses Gefühl ihrer stillen Übereinstimmung.

Ein Unbeteiligter hätte nichts bemerkt. Auch wenn er aufmerksam gewesen wäre, hätte er nur einen seltsamen Mann mit auffallend weiß geschminktem Gesicht gesehen, der unbewegt aus einem Fenster blickte, in dem es nichts zu sehen gab, und eine Frau mit einer Blume auf dem Schoß, die, anscheinend noch etwas müde, vor sich hin döste.

Zwei Stationen, fünf Minuten, dann musste Christa aussteigen: Stephansplatz. Der ‚Weiße‘ blieb.

Ein kurzer Blick, ein unmerkliches Lächeln, sie ging bewusst langsam zum Ausgang, den ganzen Bahnsteig entlang. Am Kiosk kaufte sie immer die Morgenzeitung.

Wenn die Untergrundbahn wieder anfuhr, die Waggons noch langsam an ihr vorüber glitten, dann suchten, dann trafen sich ihre Blicke im direkten Ansehen.

Immer dann. Nur dann.

Ganz für sich, ganz bei sich ging Christa danach die Stufen der U-Bahn-Station hinauf, ein kurzes Stück die Esplanade entlang, rechts die Colonnaden hinunter bis zu dem Haus in dem im zweiten Stock ihr Büro lag.

Dort stellte sie die frische Blume des Morgens zu den anderen der vergangenen Tage, prüfte, welche Blüten in ihrer Vergänglichkeit die Köpfe hängen ließen, entnahm die Vergangenen der Vase, begann ihre Arbeit.

Immer erst dann. Seit ein paar Wochen. Seit Ende Mai.

 

2.

Bis zur U-Bahn hatte Christa sich beeilen müssen. Gerade als sie diesen Morgen ihre Wohnung verlassen wollte, klingelte das Telefon. Sie verlor drei Minuten, bis sie das Gespräch beenden konnte. Drei Minuten! Die U-Bahn würde nicht auf sie warten, sie wollte den Zug erreichen, der um 9 Uhr 47 abfuhr. Erst in diesem Augenblick, als ihr bewusst wurde, dass sie ‚ihren‘ Zug verpassen könnte, wurde ihr deutlich, wie sehr sich ihr morgendlicher Weg zum Büro verändert hatte.

Vor Wochen war es ihr egal gewesen, ob sie einen Zug früher oder später fuhr, sie war immer gegen zehn Uhr im Büro gewesen, mal ein paar Minuten früher, mal ein paar Minuten später, je nachdem welchen Zug sie erreichte.

Heute Morgen beeilte sie sich, rannte beinahe den kurzen Weg bis zur U-Bahn-Station. Es war ihr wichtig geworden, diesen Zug zu erreichen. Nur diesen Zug, mit ihm, im letzten Waggon die drei Stationen zu fahren.

Aufatmend holte sie tief Luft, als sie die Treppenstufen der Station hinunter gehastet auf die Bahnsteiguhr blickte: der große Zeiger sprang gerade auf 9.46. Sie lächelte befreit, lächelte über sich selbst. Wie ein Backfisch, dachte sie bei sich, Angst zu spät zum Rendezvous zu kommen!

Sie hatte diese Ängstlichkeit gespürt, fand sich dämlich, glücklich zugleich, ging langsam, sich auf die ausgeschlagene Fuge zwischen den Steinen der Bahnsteigkante zu konzentrieren, fand sie gleich, wartete. Sie erkannte die sich nähernden beiden Lichter des U-Bahn-Zuges, noch bevor sie das langsam lauter werdende Dröhnen der Motoren hörte, schloss die Augen, um sich ganz dem warmen Luftstrom zu überlassen, den Wind auf der Haut, in den Haaren zu spüren.

Der Zug rollte an ihr vorbei, kam zum Stillstand. Sie war versucht, mit geschlossenen Augen auf die Tür zuzugehen, so sehr fühlte sie sich in der Sicherheit geborgen, dass sich die beiden Türgriffe direkt vor ihr befanden, zwei Meter entfernt. Lächelnd unterdrückte sie diesen Impuls, öffnete die Augen, öffnete die Waggontüren, blickte in das Waggoninnere – irritiert – der Sitzplatz in der dritten Reihe auf der Tunnelseite war leer.

Mit zwei Schritten war sie zurück an der Tür, blickte aus dem Waggon heraus auf die Bahnsteiguhr, es war 9 Uhr 47, wie jeden Morgen jedes Werktages der vergangenen Wochen.

„Zurückbleiben, bitte!“, hörte sie die Stimme der Stationsaufseherin aus den Lautsprechern über den Bahnsteig hallen. Der Zug ruckte an, sie suchte Halt an der Griffstange der ersten Sitzbank vor ihr, als ihr Blick sich beinahe automatisch auf ‚ihren‘ Sitzplatz richtete. Eine rote Rose lag auf der dunkelblauen Plastikschale des Sitzes.

Er hat mir noch nie eine rote Rose geschenkt, dachte sie, als sie die Blüte aufnahm, sich wie jeden Morgen jedes Werktages der vergangenen Wochen auf ‚ihren‘ Platz setzte.

Er muss also in diesem Zug gewesen sein, wer sonst hätte die Blume dort hingelegt?

Planlos blickte sie in die dunkle Spiegelung der Fensterscheibe der dritten Sitzreihe schräg gegenüber.

Warum ist er nicht hier, wenn er hier war?

War gestern irgendetwas anders gewesen als sonst?

Habe ich irgendetwas gemacht oder vielleicht nicht getan, was ihn zurückgestoßen hat?

Warum zum erstenmal eine Rose? Und warum eine rote Rose?

Ist es eine neue Stufe im Spiel unserer wortlosen Übereinstimmung?

Beinahe hätte sie, in Gedanken versunken, vergessen am Stephansplatz auszusteigen, sprang im letzten Moment noch auf, kaufte eine Tageszeitung, ging ihren täglichen Weg ins Büro, war voller Fragen, Neugier, Ratlosigkeit.

 

3.

Christa hatte sich für Neugier entschieden. ‚Der Weiße‘ wollte eine neue Qualität, er sollte sie haben. Sie war gespannt, welche er ihr anbieten würde.

Am folgenden Morgen hatte sie sich überlegt, zwei Stationen früher einzusteigen, doch das, befand sie dann, war gegen die Regeln. Gegen ihre unausgesprochen, ungeschriebenen Regeln.

Erwartungsvoll wartete sie, dass der Zug einlief. Stand an ihrer Fuge, schloss diesmal nicht die Augen, ließ die Waggons an sich vorbeirollen, blickte schon von außen durch die Fensterscheiben in das Innere des Waggons. Er war nicht da.

Es lag auch keine Blume auf ‚ihrem‘ Platz.

Was sollte das bedeuten?

Will er mich aus meiner Reserve herauslocken?

Ist ihm etwas passiert?

Wie soll ich ihn denn erreichen?

Ich weiß doch überhaupt nichts von ihm. Morgens, an den Werktagen der vergangenen Wochen um 9 Uhr 47 an der Station Klosterstern in der dritten Sitzreihe, sitzt er am Fensterplatz zur Tunnelseite, im letzten Waggon, auf meinem Platz liegt eine Blume.

Sie war verwirrt.

Die Untergrundbahn fuhr wieder an. Ein kurzer Blick aus dem Fenster, es war die Station an der sie jeden Morgen ausstieg: Stephansplatz. Vorbei.

Christa fühlte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg, sie unterdrückt schnaufte, sie war zornig. Zornig auf sich selbst. Zornig auf diesen verdammten Kerl, von dem sie überhaupt nichts wusste, der ihr so wichtig geworden war und nun, wo er nicht mehr da war, wichtiger, als er noch da war.

Jungfernstieg! Christa beeilte sich, aufzustehen, auszusteigen. Der Weg bis zu ihrem Büro war nicht wesentlich weiter als von der Station Stephansplatz aus, aber es war ein anderer, als sie ihn geplant hatte, als sie ihn gewohnt war. Sie verspürte ein ungutes Gefühl, dass ihr Leben aus seinen wohl geplanten Bahnen glitt.

Die täglichen Blüten auf dem dunkelblauen Plastikschalensitz der Untergrundbahn hatten in ihr neue Überlegungen über das Verhältnis von Natur und Technik, von Lebendigem und Leblosem, von Mensch und Architektur angeregt. Aber die Planbarkeit, die Berechenbarkeit der Statik war immer das Fundament ihres Lebensgefühls gewesen. Nun hatte sie das Gefühl, dass dieses Fundament sich in einen dünnen Strohhalm gewandelt hatte. Einen Strohhalm, an den sie sich irritiert klammerte.

Sie hatte sich ihren Weg durch die flanierenden Menschen auf der breiten Promenade des Jungfernstieg gesucht, nach rechts, nach links geschaut, ohne hinzublicken.

Erst als sie im Büro ihren Computer einschaltete, der Rechner anlief, das Computerprogramm den Bildschirm aktivierte, sah sie in dem kurzen Moment des noch dunklen Bildschirms, in der mattgrauen spiegelnden Abdeckscheibe des Monitors, eine Menschengruppe vor dem Alsterhaus, die einen Kreis gebildet hatte: Einen Kreis, in dessen Mittelpunkt ein Straßengaukler stand, allein, mit roter Nase – sie stutzte – einem flachen Hut und – sie versuchte sich genau zu erinnern – einem weißen Gesicht.

Wie in ihrem Computer-Unterstütztem-Entwurfsprogramm zoomte sie sich dieses Gesicht aus ihrer flüchtigen Wahrnehmung der Szene in Großaufnahme. Es war der ‚Weiße‘, der dort als Straßengaukler vor dem Kaufhaus die Menschen um sich geschart hatte.

Christa überhörte das Piep, mit dem der Computer sich als betriebsbereit meldete.

War er es tatsächlich? Die Ähnlichkeit, der Hut, nein, nicht nur der Hut, die Haltung seines Körpers, diese lebendige Reglosigkeit, aber sie war doch zu weit entfernt gewesen, um es genau zu erkennen.

Der Computer hatte seinen Piep an diesem Morgen umsonst getan. Sie schaltete ihn aus, stellte nach einem kurzen Blick auf ihren Kalender fest, dass sie für diesen Vormittag keinen Termin eingetragen hatte, griff sich ihre Jacke, verließ das Büro, ging wieder hinaus, die Colonnaden hinunter, dem Kaufhaus entgegen.

Mein lieber Scholli-Schinksi, war ihr zorniger, melancholischer Gedanke, als sie vor dem Kaufhaus die Ansammlung von Zuschauern wieder fand. Christa stutzte, unwillkürlich hatte sie die Worte verwendet, die ihr Vater immer zu ihrem Bruder gesagt hatte, wenn der etwas getan hatte, das den Vater einerseits zwar ärgerte, andererseits aber sprachlos gelassen hatte. Was hätte sie jetzt auch sagen sollen, sie kannte ja noch nicht einmal seinen Namen.

Wie zufällig blieb sie am äußeren Rand des Zuschauerkreises stehen, betrachtete den ‚Weißen‘, wie er mit kleinen Späßen und Kunststücken die umstehenden Menschen zum Lachen brachte.

„Damen und Herren, und...“, er beugte sich zu einem kleinen Mädchen herunter, „liebe Kinder! Was macht der Mensch, der so gerne Violine spielen will und weiß, dass er kein großes Meister werden wird? Er..“, und dabei griff er mit seiner rechten Hand langsam in die Hosentasche, „er...“, griff tiefer in seine Hosentasche, suchte offensichtlich etwas, „er...“, ließ den Arm bis über die Ellenbogen in der Hosentasche verschwinden und machte dabei ein so dummes, fragendes, dann überraschtes Gesicht, dass er die Lacher schon auf seiner Seite hatte, „er...“, zog eine winzige kleine Geige aus der Tasche, strahlte über das ganze Gesicht, „spielt eine kleine Instrument!“

In das Klatschen hinein zog er aus der anderen Hosentasche einen Geigenbogen heraus und begann zu aller Überraschung auf der winzigen Violine eine Melodie zu spielen.

Christa befand, die rote Clownsnase ließ seine Augen schwermütiger, seinen Mund trauriger aussehen, als sie ihn ohne diese rote Nase in Erinnerung hatte. Seine Augenbrauen schienen nachgezogen zu sein, dunkler, pointierter, den Ausdruck seiner Augen zu verstärken. Ihre Gedanken wurden von dem Beifall unterbrochen, der seine Darbietung belohnte.

„Nun, das war das Ende von meine kleine Vorstellung“, dabei nahm er seinen Hut ab, deutete eine Verbeugung an, so dass ihm seine schwarzen Locken ins Gesicht fielen, gab den Hut mit einem Lächeln an einen der Zuschauer im Innenkreis der Ansammlung.

„Doch bevor Sie gehen, noch ein kleines Gedichte für...“, er schnitt eine lächelnde Grimasse, als wisse er nicht, was er sagen solle, „...den weiteren Weg!“ Dabei breitete er die Arme aus und begann:

„Bedeutungsschwanger

kommt die Vers daher,“ wie entschuldigend hob er anscheinend verzagt die Schultern,

der Vers kann nicht gebären

und rutschte aus,

vor lauter Tiefsinn,

kam Schwermut auf die Welt,

als Fehlgeburt, doch lebend,

durch künstliche Bedenkung.“

Dabei grinste er so unbeschwert, dass die meisten Zuhörer auch lächeln mussten.

„Und...“, dabei hatte er den Hut wieder an sich genommen, die Geldmünzen in seine Handfläche gekippt, in der Geigenbogen-Hosentasche verschwinden lassen, „bevor ich es vergesse...“, setzte den Hut auf, blickte in der Runde der Zuschauer herum, Christa hatte das unbestimmte Gefühl, er würde sie, ausschließlich sie meinen, „weitere Gedichte heute Abend im Villon!“

Abrupt senkte er den Kopf, schaute auf den Boden, schien plötzlich in sich hineinzuschauen. Die Bewegung der Zuschauer vor ihr, die sehen wollten, was er vorhatte, versperrten Christa den Blick.

Dann hörte sie wieder seine Stimme: „Und als letztes. Ich wollte ja meinen Zauberstab verschenken!“

Tat so, als ob er jemanden aussuchen würde, ging auf den Kreis zu, der sich vor ihm öffnete, die Zuschauer wichen vor ihm zurück, keiner drängte sich vor, er schien ein bestimmtes Ziel zu haben, stand unerwartet vor ihr und gab den Stab der überraschten Christa.

Unwillkürlich griff sie nach dem Stab, überrascht, so nahe hatte sie ihm noch nie gegenübergestanden, ihre Augen versanken ineinander, überrascht, dass er sie bemerkt hatte, spürte sie das weiche Holz zwischen ihren Fingern, blickte auf den Zauberstab, er war mit kleinen, bunten Sternen bemalt, suchte wieder seine Augen, sah auf, sah auf die Rücken der Zuschauer vor ihr, die ihr die Sicht versperrten, der Kreis hatte sich bereits wieder geschlossen, andere Zuschauer drängten an ihr vorbei, sie wollte zu ihm, wollte ihn fragen, sie blickte sich suchend um, dort hinten war sein Hut zu erkennen, drängte sich durch das Durcheinander, die Zuschauer strebten in alle Richtungen davon, sah ihn nicht mehr, stand allein, den Sternenstab in der Hand.

Hilflos stand sie alleine auf dem breiten Bürgersteig, der einzige Mensch der stehen geblieben war – alle Anderen, Passanten, die ihre Wege gingen. Sie konnte nicht das kleinste Anzeichen dafür entdecken, dass hier vor wenigen Augenblicken noch eine Menschenmenge einen Kreis gebildet hatte, der ‚Weiße‘ hier als Straßengaukler aufgetreten war. Sie kniff die Augen fest zusammen, es half nichts, nur der Zauberstab in ihrer Hand gab ihr die Gewissheit, sie hatte nicht geträumt.

Eine helle Kinderstimme, die sich aus dem Straßenlärm, den Stimmengeräuschen der Passanten herausschälte: „Mama, was hält die Frau da in der Hand?“, ließ sie sich ruckartig, mechanisch in Bewegung setzen.

Das hätte ihr noch gefehlt, die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich zu ziehen, als irgendwie abgedrehte Frau, die sinnlos in der Landschaft steht, im positivsten Fall freundlich belächelt wurde. Sie war, verdammt noch mal, eine vernünftige Frau, die selbstbewusst als Selbständige arbeitete, nicht verschroben.

Mit diesem Gedanken öffnete sich ihr Blick. Sie stellte fest, erst überrascht, dann wütend, dass sie in Richtung Rathausmarkt ging – für sie die falsche Richtung – drehte sich abrupt um, rempelte beinahe ein älteres Ehepaar an, das nichtsahnend ein kurzes Stück hinter ihr gegangen war und nicht auf dieses abrupte Stoppen und die Kehrtwendung Christas vorbereitet gewesen war.

Christa verhaspelte sich: „Entschuldigen Sie, ich ...“, war schon an dem Paar vorbei, wechselte an der Ampel auf die andere Straßenseite, ging denselben Weg, den sie bereits am Morgen von der U-Bahn-Station aus in ihr Büro gegangen war. Nun allerdings mit einem Zauberstab in der Hand, im Nachgrübeln über Realität und Vergänglichkeit, über ein Wort, mit dem sie im Augenblick nicht viel anfangen konnte: „Villon“.

Im Büro wurde ihr erst wieder bewusst, dass sie immer noch diesen Zauberstab in der Hand hielt. Mit einem Empfinden, als müsse sie sich davon befreien, warf sie den bunten Holzstab mit leichtem Schwung auf ihren Arbeitstisch, auf dem er noch einige Umdrehungen rollte, dann an der Grundplatte des Computer-Monitors gestoppt wurde. Dort blieb er liegen, nicht mehr beachtet.

 

4.

Der Arbeitstag hatte seine Pflichten gefordert. Christa hatte alle Gedanken beiseite geschoben, sich auf das Arbeitspensum des Tages konzentriert. Nun war es bereits lange achtzehn Uhr vorbei, ein Blick auf die Uhr bestätigte ihr Gefühl, neunzehn Uhr acht. Christa fiel ein, dass sie nicht daran gedacht hatte, einkaufen zu gehen. Bei dem Gemüsehändler in der Straße, kurz vor der Kreuzung im Souterrain, hatte sie noch frisches Gemüse kaufen wollen. Das war nun zu spät. Ob sie es noch bis zum türkischen Gemüsehändler in der Straße, in der sie wohnte, schaffen würde? Er hatte immer bis mindestens halb acht abends geöffnet, doch das wurde knapp, Büro klar machen, zur U-Bahn, warten. Da fiel es ihr wieder ein: Villon.

Sie stutzte. Villon? Francois Villon, französischer Dichter des...? Hatte er im fünfzehnten oder im sechzehnten Jahrhundert gelebt? Sie würde zu Hause im Lexikon nachschauen müssen. Doch der ‚Weiße‘ hatte ‚im Villon‘ gesagt. Also, vermutlich, ein...? Christa zog das Branchentelefonbuch aus dem Regal und blätterte durch die Seiten.

‚Theater‘ (siehe auch ‚Kindertheater‘). Sie glitt mit dem Finger den Eintragungen entlang, von ‚Beine K.‘ über ‚Commedia‘ am ‚Hansa-Theater‘ vorbei, bis schließlich am ‚UFA-Theater‘ die Rubrik endete. Also, kein Theater mit V! Vielleicht in der ‚Siehe auch Kindertheater‘? Aber doch nichts abends. Sie blätterte bereits, ‚Kinderessen‘, ‚Kinderfeste‘, ‚Kindergärten‘, ‚Kinderheime‘, ‚Kindermoden‘, ‚Kindertheater‘: Nur ein Eintrag: ‚Theater Luftikus‘. Das konnte es auch nicht sein. Vielleicht unter ‚Varietés‘? Mmh, die Kopfzeile hätte zwischen ‚Ventilatoren‘ und ‚Vakuumtechnik‘ stehen müssen. Dazwischen stand aber nichts. Die Rubrik gab es also nicht. Dann könnte es vielleicht, es gibt doch Künstlerkneipen mit kleiner Bühne, ihre Finger durchblätterten schon die Seiten, L, ..., I, ...H..., G, und nun langsam, da, ‚Gaststätten u. Restaurants‘. Ach, herrje, sind das viele Eintragungen. Also ziemlich zum Schluss, nein das war zu weit, allein eine Seite vollgedruckt mit Namen ‚Zum ...‘ und ‚Zur ...‘, da, der Buchstabe V war ganz am inneren Rand des Bandes, sie bog das dicke Buch etwas auf und da stand es: Villon, St.GeorgsKirchhof 7. Dort also, heute Abend.

Christa lächelte. Was hätte sie wohl gedacht, wenn der Weiße nicht nur den Namen sondern auch diese Adresse genannt hätte?

 

5.

Es dauerte länger, als sie angenommen hatte, die Arbeit abzuschließen, der Weg zur U-Bahn, das Warten, die Fahrt bis zum Hauptbahnhof, dann die Suche auf dem Stadtplan. Schließlich der Weg am Schauspielhaus vorbei, an der vierspurigen Kirchenallee entlang, nach der Kurve links abbiegen, über den Spadenteich hinüber, die Lange Reihe, die Koppel rechts liegen lassen, schließlich die Häuserreihe entlang, bis sie vor den Schildern des ‚Villon‘ stand.

Der warme Sommerabend hatte viele Menschen veranlasst, spazieren zu gehen, unterwegs zu sein. Sie hatte sich auf der Fahrt im U-Bahn-Tunnel überlegt, ob sie nicht schneller, ob es nicht schöner gewesen wäre, die Esplanade entlang über die Lombardsbrücke zu Fuß zu gehen. Nun egal, sie war angekommen.

Schmale Stufen führten vom Bürgersteig hinunter zur Eingangstür, das ‚Villon‘ befand sich im Souterrain. An den tiefliegenden Fenstern konnte sie eine monatliche Veranstaltungsübersicht erkennen, auf der für den heutigen Tag: ‚Antonis Multadeus: Texte und Gedichte‘ angekündigt war. Ein Blick auf die Uhr, 20:58. Wenn überhaupt, würde sie nur noch den Schluss mitbekommen. Beginn war zwanzig Uhr gewesen.

Das Geräusch von händeklatschendem Beifall aus den tiefer gelegenen Räumen herauf ließ sie sich beeilen, die Treppenstufen hinabzusteigen, die dunkle, angelehnte Eingangstür zu öffnen, den vollgedrängten Raum zu betreten. Direkt neben dem Eingang befand sich eine kleine Bühnenfläche, auf der sich im Licht eines einzelnen Scheinwerfers gerade der ‚Weiße‘ verbeugte.

Wie viele andere der Zuschauer, der Gäste, blickte auch er unwillkürlich kurz zu der sich öffnenden Eingangstür. Christa empfand, dass sie gerade eine Nebenbühne betreten hatte. Der ‚Weiße‘, Antonis wie sie jetzt wusste, deutete eine kurze Verbeugung in ihre Richtung an, wandte sich dann wieder der Tiefe des Raumes zu. Christa hörte ihn sprechen. Die gleiche melodische Stimme, die sie am Nachmittag von ihm gehört hatte. Sie schloss die Augen: Er hat Augen, in denen man sich verlieren, eine Stimme, die einen davontragen konnte.

„Liebe Freunde, als Abschluss der heutigen Texte einen Nachruf. Einen Nachruf für einen großen Freund, der schon lange von uns gegangen ist, und als Nachruf auf eine Freundschaft, die sehr innig war.“

Christa hörte sehr wohl die doppelte Tonlage des Melancholischen, des Ironischen, als er von der innigen Freundschaft sprach. Antonis hob die Arme und begann:

„Ich bin so wild nach Deinem Erdbeermund,

und aus des Körpers tiefsten Grund

schrie ich mir schon die Seele wund.

Es kam kein Ton stets über meine Lippen.

Ich sehe dich, ertrage nicht dein Wippen.

Du meinst ja doch, ich wolle dich nur ficken.

Verdammt, ich wollt’ dir meine Seele übergeben!


Francois Villon bracht’ uns die Wunde,

vor nun schon bald fünfhundert Jahren.

Er hat sie mit ins Grab genommen,

die Gier, die ihn durch's Leben trieb.


Uns alle, euch und mich, hat er allein gelassen,

der arme Hund, mit seiner Gier,

die mir die Worte gab, dir zu erklär’n,

dass ich dich lieb.“

 

Atemlos hatte Christa den Worten von Antonis zugehört. Sie hatte die Augen geschlossen, um sich ganz den Worten, dem Klang seiner Stimme zu überlassen: Sie hatte wohl verstanden, dass er sie ansprach, sie direkt, nur sie allein.

Antonis unerfüllte Sehnsucht hatte die Gäste verstummen lassen. Erst nach der Dauer einer Pause, die ein Hund braucht, um sich die Nässe aus dem Fell zu schütteln, zollten sie Antonis mit einem lauten Beifall Respekt. Nur Christa klatschte nicht. Kann man sich bei einem Menschen für eine persönliche Liebeserklärung mit Händeklatschen bedanken? Nein, wohl nicht.

Der einzelne Scheinwerfer wurde ausgeschaltet, Ende der Vorstellung. Die Zuschauergäste wandten sich ihren Getränken, ihren Mithörern zu. Antonis war seitlich verschwunden. Christa stand unschlüssig allein neben der Tür. Sollte sie bleiben?

Behutsam fühlte sie sich um die Schulter gefasst, drehte sich, endlich, endlich lagen sie sich in den Armen.

„Ich will dich auch!“, flüsterte sie Antonis ins Ohr.

Ein zärtlicher Kuss verband sie wieder in stillschweigender Übereinstimmung.

 

6.

Früh war es geworden. Fröhlich ließ Christa das heiße Wasser der Dusche über ihre Haut strömen: Tra bi bi da du da du da taram ta ta ta! Die Seife war ihr nur eine willkommene Gelegenheit, den eigenen Körper zu berühren, Brust wie Bauch in der Vollkommenheit hermaphroditischer Berührung zu spüren, über die Innenseiten der Beine hinauf in zärtlichen Berührungen bei dem Venushügel zu verweilen, um sich dann kräftig die Hüften zu rubbeln.

„Möchtest du auch ein Frühstücksei?“ Antonis hatte es ihr von der Küche aus zugerufen – Christa rief laut zurück, um das Wassergeprassel zu übertönen: „Aber nur drei Minuten bitte! Ich mag es nicht, wenn das Eigelb hart zusammengekocht ist!“

Antonis war zuerst aufgestanden, hatte im Bad ein Handtuch für sie bereit gelegt. Als sie sich jetzt abtrocknete, sich dabei im Spiegel betrachtete, entrang sich ein wohliges leises Stöhnen ihrer Brust, war ihr so gegenwärtig, dass sie eine innere Blockade überwunden hatte.

Prüfend blickte sie sich im Spiegel an. Wovor hast du eigentlich Angst gehabt? Sie erinnerte sich, dass es immer so gewesen war. Sie wusste nicht mehr, warum.

„Mädchen, mach hinne!“, sagte Christa zu sich selbst, es war schließlich Werktag. Ihr zeitlicher Spielraum, Zeit zu verdenken, war an solchen Tagen nicht gegeben. Die Bürozeit forderte ihre Pflicht.

Antonis saß bereits am Küchentisch, trank einen Tee, als Christa in die Küche kam. Sie gab ihm, wenn sie nachrechnete, zum dritten Mal einen unbeschwerten Guten-Morgen-Kuss, zog den zweiten Stuhl unter dem Tisch hervor, stutzte. Eine blaue Lilie lag auf der geflochtenen Sitzfläche des Stuhles. Still schaute sie Antonis an, lächelte, er antwortete ihr mit einem unmerklichen Zwinkern des rechten Auges.

Christa nahm die Blume auf, legte sie behutsam neben ihren Teller, setzte sich auf den Sitzplatz neben der geöffneten Balkontür und saugte sich die Morgenluft tief in die Lungen.

Sie betrachtete die Lilie vor sich, blieb mit ihren Augen daran haften: „Warum bist du eigentlich fortgeblieben und hast nur noch die Rose auf meinen Sitzplatz in der U-Bahn gelegt?“

Wenn sie Antonis angesehen hätte, wäre ihr sein zutiefst melancholischer Augenausdruck aufgefallen. So spürte sie nur, dass er ihre rechte Hand zwischen seine Hände nahm, die Wärme seines Körpers zu ihr hinüberströmte, während er sprach: „Wir hatten eine solche Intensität des Unausgesprochenen erreicht, dass es für mich unerträglich wurde. Im Laufe der Tage, der Wochen war aus einem Flirt, einer zärtlichen Zuneigung, einem leichten Spiel, etwas sehr Ernsthaftes für mich entstanden. Wenn ich morgens aufwachte, dachte ich als erstes an dich, beeilte mich, ja rechtzeitig an der U-Bahn zu sein, dich nicht zu verpassen, es wurde für mich zu einer Art innerem Gefängnis des Nicht-Gelebten, des Verharrenden, der Ängstlichkeit.“

Antonis blickte aus dem Fenster auf die Bäume des Innenhofes, während er weiter sprach: „Leben heißt für mich, zu spüren, mich zu öffnen, den tatsächlichen Weg zu suchen, einen Menschen in allen seinen Facetten zu erleben. Unsere wortlose Intensität in der Entfernung drängte nach Nähe, mir schien der Kopf zu zerspringen vor lauter Nicht-Gesagtem, Nicht-Gelebtem.“

Christa wusste, was er meinte: „Aber du bist doch ein hohes Risiko eingegangen, als du fort geblieben bist!“

Antonis, der eben noch angespannt nach Worten gesucht hatte, lachte befreit auf: „Nein! Wie konnte ich mir sicher sein, dass es dir ebenso ging wie mir?“

Er blickte über die Bäume des Innenhofes.

„Ich war mir sicher, wenn ich dir wichtig wäre, würdest du mich finden.“

„Du bist dir tatsächlich sicher gewesen?“

„Ja!“ Antonis drückte ihre Hand fest zwischen seinen Händen. „Zwischen zwei Menschen findet doch kein Glücksspiel statt, in dem ich blind einen Einsatz wage nach einem metaphysischen Prinzip, das ich Glück, Gott, Zufall oder Schicksal nennen kann, dem ich die Entscheidung überlasse! Zwischen zwei Menschen besteht doch eine aufeinanderbezogene Aktivität, die jeder für sich selbst gestaltet, selbst entscheidet. Wenn wir uns begegnet sind, dann war es doch unsere eigene Entscheidung, aus den Tausenden von Menschen, denen wir begegnen, einen besonders auszuwählen. Ich dich und du mich.“

Antonis holte tief Luft, flüsterte beinahe: „Wenn mein Empfinden also keine Einbildung war, dann würdest du mich finden. Es war kein Risiko aus meiner Sicht. Oder hast du es dem Schicksal überlassen, mir zu begegnen?“

„Oh, Mann!“ Christa war durcheinander. Das Vertrauen, das Antonis in ihr Wollen gehabt hatte, die Freiheit, der er sich ausgesetzt hatte, nein, hatte er sich nicht, er war sich seiner ja sicher gewesen,... Aber sie selbst, hatte sie nur funktioniert, hatte sie gewollt ohne es zu wollen,... Warum hatte sie ihren planvollen, täglichen Weg verlassen, hatte verpasst, an der gewohnten Station auszusteigen? Ja, es war richtig, sie war dann bewusst zurückgegangen, sie hatte es für sich wissen wollen.

„Und wenn ich dich nicht gewollt hätte?“

„Warum stellst du theoretische Fragen?“

„Weil ich, weil ich...“ Christa wusste es selber nicht. Hilfesuchend blickte sie sich in der Küche um, als ihr Blick auf die Wanduhr fiel.

„Antonis, ich muss darüber nachdenken! Es ist schon zehn Uhr!“

„Und wir müssen uns planvoll auf den Arbeitstag vorbereiten?“ lächelte Antonis zu Christa.

„Ja! Du bist schon fertig?“, blickte sie ihn an und trank noch den letzten Schluck Tee aus ihrer Tasse.

„Fertig? Womit?“

„Zur Arbeit zu gehen!“ Dabei blickte sie ihm in das weiße Gesicht.

„Nein!“ Antonis lachte leise: „So sehe ich immer aus.“

„Immer?“ Christa runzelte fragend die Stirn und zog die Augenbrauen zusammen, als würde sie nicht verstehen, was sie sah.

„Ja, immer.“ Antonis machte eine kurze Pause, trank einen Schluck Tee. „Ich bin Weißer. Es ist doch so, dass unter allen Lebewesen der mitteleuropäische Mensch und das Hausschwein die ähnlichste Hautfärbung aufweisen: schweinerosa, pink. Und ...“, Antonis krümelte mit seinem Frühstücksbrot, das er in Gedanken zerbröselte, „betrachte doch bitte einmal die mitteleuropäische, die eigentlich christliche Kulturgeschichte: Terror, Unterdrückung, Machtkämpfe und Kriege!“

Er hatte sich in einen unterdrückten Eifer geredet.

„Ich wäre gerne als Albino geboren worden, als tatsächlich Weißer, als Unbefleckter, als Unschuldiger.“

Er verstummte.

„Woraus ist es?“ Christa wunderte sich über sich selbst. Noch gestern hätte sie niemals eine derart direkte Frage gestellt. Es musste die gerade Art von Antonis sein, die ihr diese Unbeschwertheit gab.

Antonis kicherte: „Also, von Frau zu Frau verrate ich dir irgendwann einmal das genaue Rezept!“ Dann wurde er wieder ernsthaft. „Ich habe mir selber eine Mischung zusammengestellt, die in ihrer Wirkung zwischen Schminke und Maske liegt.“ Er räusperte sich. „Normale Schminke wäre als Schminke zu erkennen, sie verweist auf das, was sie verdeckt, das wollte ich nicht. Die Maske dagegen will nichts vertuschen, ist aber abweisend, da sie das Gesicht verdeckt und die anderen Menschen in sich selber belässt, in ihren Ängsten, ihrer Neugier, ihrer Aggression. Das wollte ich auch nicht. Ich möchte bei mir bleiben dürfen und mich dennoch nicht abschotten.“

„Aber ist es nicht provozierend auffällig?“ Christa hatte das Gefühl, dass Antonis, so plausibel er auch alles erklären konnte, irgendeine Begründung hatte, die er nicht äußerte.

Antonis tat so, als würde er heftig schlürfen, um ein provozierendes Geräusch zu verursachen. Dann stellte er die Tasse ab, stubste Christa mit dem Zeigefinger auf die Nase und grinste sie an: „Tu mir einen Gefallen, beantworte die Frage aus deiner eigenen Erfahrung.“

Christa dachte kurz nach.

„Als ich dich das erste Mal sah, war es sehr ungewöhnlich, doch ich hatte Scheu, zu dir hinüberzusehen, weil ich es als unhöfliches Anstarren empfunden hätte. Du hättest, zu Recht, ärgerlich werden können. Dann habe ich mich daran gewöhnt, du warst halt jeden Morgen da, und ...“

Antonis unterbrach sie voller Eifer: „Siehst du, deshalb ist deine Frage nicht mit ja und nicht mit nein zu beantworten. Da ich darum weiß, fing ich an, jeden Tag mit der gleichen Bahn zu fahren, zur gleichen Zeit an der gleichen Stelle im gleichen Wagen zu sitzen. Die Menschen kennen mich dann schon, lächeln, ich bin nach kurzer Zeit Bestandteil ihrer Normalität geworden. Ich bestätige ihnen damit, dass alles so ist, wie sie es gewohnt sind.“

„Puh! Das hieße ja, dass Respekt nicht nur aus dem Wissen um die Bedingtheit eines Menschen besteht, sondern auch aus dem Erleben einer Gewohnheit!“

„Ja, das meine ich, und das sind dann wieder die zwei Seiten der Medaille. Auf der einen Seite kannst du dir schon die Freiheit schaffen, so zu leben, wie du möchtest“, Antonis hob spielerisch warnend den Zeigefinger: „auch wenn es dafür Grenzen gibt! ...“, dann wurde er wieder ernsthaft: „...indem du den anderen Menschen die Erwartungssicherheit gibst, dass du so bist. Aber genau das wird dann wieder zur eigenen Konvention, in dem genau das, was für dich erst Kampf um Toleranz des So-bin-ich bedeutete, dann zum Zwang des So-hast-Du-zu-sein wird.“

„Das ist mir nun zu theoretisch!“

„Also, ein Beispiel: Du schläfst morgens immer sehr lange, da du noch bis spät arbeitest. Holst dir also die Frühstücksbrötchen immer erst gegen zehn Uhr. Das führt in der Nachbarschaft zum Gerede, weil es auffällt, abweicht. Dann wird dir unterstellt, du seiest faul, arbeitsscheu, lebst in den Tag hinein, usw. Du machst das nun jeden Morgen und die Menschen gewöhnen sich an diese Regelmäßigkeit, stellen sich darauf ein, fragen nicht, wie spät ist es, sondern ob du schon zum Brötchenholen gekommen warst, es wird für sie zu einer akzeptierten Orientierung innerhalb ihrer eigenen Normalität. Wenn du dann aus irgendeinem Grund einmal morgens um sieben die Brötchen holst, dann ist da sofort wieder Gerede, ob etwas passiert sei, warum denn nun das, usw. Du hast ihre Erwartungssicherheit irritiert.“

„Und wenn ich partout nicht in diese Zwinge hinein will, meine Freiheit nicht für die Normalität des gewöhnlichen Respekts einer Erwartungssicherheit hergeben will?“

„Dann kannst du das durchaus machen, aber du wirst erleben, wenn du forderst, dass alles, was du tust, gleich gültig zu sein hat, die Menschen auch gleichgültig auf dich reagieren werden.“

Christa war aufgestanden, um den Tisch zu Antonis herumgegangen und setzte sich auf seinen Schoß.

„Also ...“, sie küsste ihn, „werde ich...“, sie küsste ihn wieder, „dich jeden Morgen...“, sie küsste ihn wieder, „den wir zusammen sind...“, sie küsste ihn erneut, „als Zeichen...“, Kuss, „dass das Frühstück zu Ende ist...“, erneuter Kuss, „siebenmal küssen ...“, und küsste ihn zum siebtenmal.

„Aber, damit du nicht und damit ich nicht unter die Erwartungssicherheit und damit auch in den Erwartungszwang geraten, dass das jeden Morgen so ist, vielleicht...“, sie küsste ihn, „...auch ein achtes Mal! Oder nur zweimal, was heißt ...“, sie busselte Antonis ab, „...ich nehme die anderen alle wieder zurück.“

 

7.

Geduldig blickte Christa auf den Bildschirm. Sie hörte zu, was ihr der Instrukteur für den Scanner und dem Computer-Programm erläuterte. Ermüdet strich sie sich eine Haarlocke aus der Stirn: „Es wird mir im Augenblick etwas zuviel. Können wir eine halbe Stunde Pause einlegen?“

„Ja, sicher, ich wollte auch schon fragen, wann wir eine Mittagspause machen. Ich bin dann also in etwa einer halben Stunde wieder hier.“, sagte er, hatte sich schon sein Jackett gegriffen und war aus dem Büro verschwunden.

Christa blickte auf den Bildschirm. Der neue Scanner. Es war schon verwunderlich. In allen vergangenen Monaten mit Antonis hatten sie beide für sich viel voneinander angenommen. Antonis etwas von ihrer planvollen Weise, das Leben anzugehen, sie selbst hatte gelernt, mehr zuzulassen als planvoll vorauszusehen war, bewusster zu werden, Planung als notwendige Struktur zu verstehen, nicht aber als alleiniges Prinzip anzusehen, dem sich der Mensch unterzuordnen hatte. Ihre Entwürfe veränderten sich im Laufe der Monate, versuchten, nicht nur professionell-architektonische Prinzipien, ingenieurtechnische Regeln zu beachten, sondern sich immer bewusster zu werden, dass Menschen in diesen Konstrukten arbeiten, leben würden müssen.

Sie wusste, dass sie auf dem richtigen Weg war, doch das der Weg zu einer größeren Menschlichkeit ein Scanner für den Computer war, daran hätte sie vor Monaten noch nicht gedacht.

Sie würde damit Fotografien in die Planungen integrieren können, die Entwürfe in die natürliche Umgebung oder in die vorhandenen Baufronten einplanen, sich mit leicht veränderbaren Variationen an die bestmögliche Harmonie und Abstimmung annähern können. Wenn der Entwurf bisher erst einmal umgesetzt worden war, sich dann herausstellte, dass der Bau dort, wo er gebaut worden war, eigentlich nicht hinpasste, dann war es schon zu spät, nicht mehr zu verändern.

Die Klingel der Bürotür ließ sie aus ihren Gedanken aufschrecken. Die halbe Stunde war bereits vergangen.

Hastig wischte sie sich über die Stirn, ihre Gedanken ordnend, und öffnete die Bürotür, um den Instrukteur hineinkommen zu lassen.

„Haben Sie vielleicht eine Fotografie mit dem Portrait eines Menschen? Irgendeine, egal ob es die Oma oder ein Verwandter ist, wir können dann ein bisschen Pop-Art in der Farbveränderung üben. Ich kann Ihnen die Behandlung von Feinstrukturen am besten an der grafischen Darstellung der menschlichen Haut verdeutlichen.“

Christa kramte wunschgemäß in den Schubladen, aber wo, sollte sie im Büro ein Portraitfoto haben?

In der oberen Kramschublade vielleicht? Dort, wo alles hineinkam, was keinen festen Platz in ihrem Büro hatte, was sie nicht auf dem Tisch herumliegen lassen wollte? Dort hinein hatte sie vor ein paar Tagen die Abzüge deponiert, die sie mit Antonis an der Ostsee fotografiert hatte. Sie hatten Häuser aus der Zeit der Jahrhundertwende fotografiert, jetzt fiel es ihr wieder ein, sie hatte auch ein paar Schnappschüsse von Antonis fotografiert. Sie hatten noch gelacht, „Stell' dich nicht vor die weiße Wand, dann bist du ja gar nicht zu erkennen!“, und Antonis hatte zurückgelacht: „Ah, ba! Das hier ist alles Schmuddelweiß! Ich bin das sauberste Weiß deines Lebens!“

Sie nahm die Abzüge aus der Papierhülle, fächerte sie auf, um die Bilder von Antonis zu finden, und reichte sie zu dem Instrukteur hinüber: „Hier, das wären die einzigen Fotos, die ich hier habe. Aber sie sind wahrscheinlich ungeeignet, nehme ich an?“

Überrascht blickte der Scanner-Fachmann auf die Abzüge. Mit einem leise gemurmelten: „Vielleicht, woll‘n mal sehen“, hatte er bereits die Abdeckplatte des Scanners angehoben, das Bild auf die Glasplatte gelegt, die Abdeckplatte wieder geschlossen und zwei Tasten des PCs gedrückt: „Der Scanner tastet jetzt mit seiner Sensorleiste das Bild ab und zerlegt es in einzelne Bildpunkte, die auf dem Bildschirm dargestellt werden können. Der Scanbereich wird insgesamt auf dem Bildschirm dargestellt und somit auch das Bild in seiner relativen Größe innerhalb des Scanbereiches.“

Auf dem Bildschirm wurde ein Rahmen sichtbar, in dem in der oberen linken Ecke das Foto von Antonis zu sehen war.

„Sie können jetzt das Bild auf die Gesamtfläche des Monitors vergrößern, oder Ausschnitte definieren, die Sie zur weiteren Bearbeitung noch stärker heraus vergrößern können.“

Er drückte wieder nur wenige Tasten, wie von Geisterhand vergrößert, füllte das Bild von Antonis den ganzen Bildschirm aus.

Freundlich blickte Antonis sie an. Die Sonne warf harte Schlagschatten über das schmale Gesicht. Ja, es war ein wunderschöner Sonnentag gewesen, das weiße Gesicht ihres Geliebten lächelte vor dem kräftigen Grün der Bäume, dem dunklen Blau des Himmels.

„Sie können jetzt Bereiche festlegen, in denen Sie zum Beispiel die Farben verändern wollen.“ Mit dem elektronischen Zeiger fuhr der Techniker an den äußeren Gesichtskonturen von Antonis entlang. Sein Gesicht wurde durch eine feine, gepunktete Linie eingerahmt.

„Hier oben rechts, können Sie jetzt eine Farbentabelle aktivieren. Wählen Sie eine Farbe aus...“, er klickte einen hellbraunen Farbbalken an, „...und der markierte Bereich wird in die entsprechende Farbe umgewandelt.“

Schwupp, er hatte noch nicht ausgesprochen, war ein gut gebräunter Antonis auf dem Monitor zu sehen. Christa hielt vor Überraschung den Atem an.

So also sah Antonis eigentlich aus. Auch wenn sie sein schmales weißes Gesicht lieben gelernt hatte, in Naturfarben ist er auch ein gut aussehender Mann, dachte sie stolz für sich.

„Sie können jetzt mit der Bildvariation die Kontraste abschwächen.“ Der Techniker erzeugte einen Kasten am oberen Rand des Bildschirmes, veränderte einen vorgegebenen Wert. Eine Folie schien über das Bild gezogen werden. Wie ein Weichzeichner wurden die harten Konturen der Sonnenzeichnung auf dem Gesicht von Antonis abgemildert.

„Sie können allerdings auch die Konturen verstärken, und...“, der Techniker schien etwas zu suchen, sah den Sternen-Stab neben der Konsole des Monitors liegen, nahm ihn hoch, zeigte damit auf das Gesicht von Antonis, „wenn Sie Bildbereiche haben, die sehr schwach in der Durchzeichnung sind und Sie vorwiegend in diesen hellen Bereichen...“, er deutete mit dem Stab auf die Stirn, die Wangen von Antonis, „...eine bessere Zeichnung haben wollen, dann können Sie auch den relativen Kontrast in diesen hellen Bereichen stärker herausholen.“

Wieder erschien ein Feld am Bildschirmrand. Mit dem elektronischen Zeiger veränderte der Techniker den Verlauf einer vorgegebenen Kurve.

„Wenn Sie jetzt die Eingabetaste drücken, wird das Bild in der vorgegebenen Weise verändert. Sie können damit Bilder in ihrem Kontrast und ihrer Helligkeit aneinander angleichen, so dass nicht zu bemerken ist, dass...“

Christa hörte nicht mehr auf die Worte des Technikers, der sich ihr zugewandt hatte.

 

8.

Irritiert blickte sie auf das braungebrannte Gesicht von Antonis. Durch den letzten Eingriff des Technikers hatte es sich drastisch verändert. Die glatte Hautoberfläche sah aus wie die Mondoberfläche. Zernarbt, zerteilt in Krater, einzelne Inseln mit glatten, andere mit zerrissenen Flächen. Ein zerstörtes Gesicht, in dem sich allein die hellen, fröhlichen Augen als Lebendiges behauptet hatten.

Der Techniker, der Christas Faszination bemerkte, hatte sich zum Bildschirm zurückgedreht, sah das Bild von Antonis: „Ach, so! Das ist natürlich zuviel des Guten! Nein, das ist sicherlich nicht der gewünschte Effekt! Es sieht ja aus, als ob die Gesichtshaut verbrannt ist. Das wäre natürlich entstellend.“

Wieder erschien die veränderte Kurve auf dem Bildschirm. Er setzte sie wieder in ihren ursprünglichen Verlauf zurück. Eine feine Linie wischte schräg über das Bild von Antonis, er sah wieder so braungebrannt aus wie vorher, mit glatter Haut.

Der Techniker hatte den Stab, den er zwischen den Fingern gehalten hatte, wieder neben die Tastatur gelegt: „Schließlich wollen wir eine schöne Wirklichkeit erzeugen und nicht etwas entstellen.“

Er wandte sich wieder an Christa: „Entschuldigen Sie, wenn ich Sie erschreckt habe. Soll ich das Bild so abspeichern?“

Wortlos nickte sie.

Je länger sie auf das gläserne Bild schaute, desto mehr wurde es ihr zur Gewissheit.

Der Techniker war gegangen. Christa hatte, nach einigem Zögern, das Bild von Antonis wieder aus dem Datenspeicher abgerufen, es auf dem Monitor wieder sichtbar werden lassen.

Stunden waren vergangen. Das Neonlicht der Bürolampen spiegelte sich in der Glasscheibe des Monitors.

Immer wieder hatte sie über die Kontrastverstärkung, das Herausheben der hellen Bildpartien die elektronische Darstellung des Bildes verändert, hatte versucht, zu verstehen, was sie sah.

Es sieht ja aus, als ob die Gesichtshaut verbrannt ist, hatte der Techniker so nebenbei gesagt.

Diese Bemerkung, so nebenbei gesagt, so beiläufig, dass sie sich nicht dazu geäußert hatte, ihr zugestimmt oder sie abgelehnt hatte, sie hatte sich in Christas Gedächtnis festgesetzt.

Niemals bisher hatte sie das weiße Gesicht von Antonis in Frage gestellt. So hatte sie ihn kennen gelernt, so hatte sie ihn lieben gelernt. Fraglos. Jeder Mensch hatte seine Marotten, Antonis hatte eben diese. Fraglos.

Niemals wäre sie auf die Idee gekommen, das, was er ihr erzählt hatte, in Frage zu stellen. Warum hätte sie es auch tun sollen. Es hatte keinen Anlass gegeben.

Jetzt gab es einen Anlass. Sie hatte ihn nicht gewollt, nicht gesucht, nicht geahnt, dass sich etwas anderes unter der weißen Schminke verbergen könnte, als eine normale Gesichtshaut, so, wie sich auch Frauen schminken.

Jetzt strebten Informationen zueinander, einzelne Bruchstücke aus Verhaltensweisen, aus Erzählungen, die bisher unverbunden in der Erinnerung verstreut geblieben waren und Christa versuchte, sich dagegen zu wehren.

Die Gedanken interessierte es nicht, was sie wollte. Sie suchten sich selbst passende Bruchstücke zusammen, setzten verstreute Puzzlestücke zusammen, versuchten, einen stimmigen Zusammenhang herzustellen.

Antonis fuhr niemals mit einem Auto. Niemals. Bei verschiedenen Gelegenheiten hatte sich diese Eigenart als umständlich herausgestellt. Stets achtete er darauf, dass noch öffentliche Verkehrsmittel fuhren oder er fuhr mit dem Fahrrad. Er nahm lieber in Kauf, eine Stunde zu Fuß zu laufen, als mit einer Taxe zu fahren. Sie hatte respektiert, dass er diese unmoderne, ökologisch erklärte Eigenart hatte. Sie tendierte ja auch dazu, hatte aber nicht die Konsequenz, die Antonis realisierte, die sie schon allein deshalb achtete.

Antonis rauchte nicht. Das fand sie immer sehr angenehm. Er meditierte, um sich zu entspannen. Doch..., aber..., ohne ihr Zutun fügten sich die Erinnerungsstücke zu einer Frage zusammen. Antonis hatte Angst vor offenem Feuer. Nicht nur vor Streichhölzern und Feuerzeugen, er war vor dem Gasherd in ihrer Küche zurückgeschreckt. So gerne er auch kochte, tat er es nicht auf ihrem Gasherd, nur auf seinem Elektroherd. Lagerfeuer waren ihm ein Gräuel. Sie hatte auch immer darauf verzichtet, Kerzen anzuzünden, nachdem sie sein offensichtliches Unbehagen bemerkt hatte, in der Nähe einer brennenden Kerze zu sitzen. Warum?

Es sieht ja aus, als ob die Gesichtshaut verbrannt ist.

 

9.

Konnte sie mit Antonis darüber reden? Worüber? Über ihre Mutmaßungen? Über die elektronischen Fähigkeiten eines Scanners, eines Computers, in der Bildbearbeitung? Christa schreckte aus ihren Gedanken auf, als sie die Stimme von Antonis aus der Küche hörte: „Magst du noch ein Glas Wein? Oder willst du lieber schon schlafen?“

Er blickte in das Schlafzimmer hinein, in dem sich Christa müde auf dem Bett ausgestreckt hingelegt hatte. Sie richtete sich halb auf.

„Nein, lass uns noch einen Wein trinken und einen Augenblick auf dem Balkon sitzen. Ich komme gleich.“

Der Balkonplatz, in der Nische, mit dem Dach aus Efeublättern, war ihr Lieblingsplatz geworden. Normalerweise, wenn es bei ihr später geworden war, fuhr sie in ihre eigene Wohnung. Heute hatte sie den weiteren Weg zu Antonis fahren wollen.

„War es sehr anstrengend bei dir im Büro?“ Antonis sah Christa besorgt an. Das Licht der untergehenden Sonne hüllte ihr müdes Gesicht in ein warmes Licht.

„Ach weißt du, manche Tage haben es in sich. Ich habe den neuen Scanner bekommen und der Techniker hat mir schon einiges erklärt, aber manchmal denke ich, dass ich den ganzen technischen Kram nicht mehr verstehe.“

Sie nippte an ihrem Weinglas. „Die Elektronik bietet einem ungeahnte Möglichkeiten...“ Ihr Blick ruhte auf dem weißen Gesicht von Antonis. Vor ihr geistiges Auge schob sich das Bild, das sie auf dem Monitor gesehen hatte, das entstellte Gesicht und sie versuchte, diese beiden Bilder miteinander zur Deckung zu bringen.

„Warum starrst du mich so an?“

Christa schreckte auf. „Entschuldige, das wollte ich nicht, ich muss wohl doch müder sein, als ich dachte, oder verwirrter über das, was ich heute alles lernen musste.“

Antonis beugte sich vor, berührte mit seinem Glas die Wölbung ihres Weinglases und ein leiser schwingender Ton erklang. „Frau Diplom-Ingenieur wird’s schon klar bekommen!“

Christa starrte in die Spiegelung des weißen Gesichtes auf der gewölbten Außenfläche ihres Weinglases.

„Sicher hast du recht, Antonis, aber für heute war es einfach etwas zuviel. Sag mal, spiegelt sich mein Gesicht auch so verzerrt in deinem Weinglas?“

Antonis stellte sein Glas wieder auf den Tisch, sie amüsierten sich über die verzerrenden Spiegelungen in den gewölbten Gläsern, alberten miteinander, indem sie mit dem Gesicht näher an die Wölbung der Gläser kamen oder entfernter blieben und dabei Grimassen schnitten.

Es war eine lustige halbe Stunde, bevor sie den Balkon verließen, ihre Körper sich berührten.

 

10.

Langsam drehte Christa den Sternen-Stab, der immer noch neben der Konsole des Computermonitors lag, zwischen den Fingerspitzen. Sie betrachtete den Stab, ohne ihn zu sehen.

Beinahe erschreckt hätte sie den Stab auf den Tisch geworfen, als ihr bewusst wurde, dass sie den Zauberstab in der Hand hielt, den Antonis ihr gegeben hatte, mit dem auch der Techniker gestern auf den Monitor gezeigt hatte, mit dem das zerstörte Kratergesicht von Antonis sichtbar geworden war. Sie hatte sich entschieden, das Bild zu löschen, sie hatte sich entschieden, einen Bilderrahmen für das Photo an der Ostsee zu kaufen, es sich ganz bewusst auf den Tisch zu stellen: Das weiße Gesicht: Das glatte Gesicht: Nicht den erschreckenden Alptraum.

Mit entschlossener Konsequenz war alles so geschehen, wie sie es gewollt hatte und lächelnd betrachtete sie das geliebte Gesicht in dem hellen Bilderrahmen, die Erinnerung an einen Tag, der nur für sie beide allein gewesen war, einen glücklichen Tag an der Ostsee.

Das Klingeln des Telefons brachte sie wieder an ihren Schreibtisch zurück. „Friedländer, Architekturbüro“, hörte sie ihre eigene Stimme.

„Nun, Frau Diplom-Ingenieurin, wieder besser zuwege oder den Kampf gegen den Computer verloren?“ Die Stimme von Antonis klang in ihrem Ohr.

„Ach, du Lieber, alles in Ordnung. Du hattest recht, dass ich es schon klar bekommen würde.“ Christa fühlte sich in ihrer Entscheidung bestätigt und fröhlich. Es war sehr selten, dass Antonis bei ihr anrief.

„Wo brennt es denn, dass du anrufst?“

„Ich wollte dich nur fragen, ob du heute Abend zeitig Schluss machen kannst oder ob es später wird?“

„Heute Abend werde ich früh bei dir sein, sagen wir so gegen sieben. Wäre es dir recht?“

„Ja. In Ordnung.“

„Warum fragst du?“

„Ich habe eine Überraschung für dich und da wollte ich wissen, ob wir heute Abend zusammen sein werden.“

„Kannst du schon etwas verraten?“

Amüsiert hörte Christa das helle Lachen von Antonis: „Dann wäre es ja keine Überraschung mehr. Aber...“, er schien nachzudenken, „...es hat etwas mit Schmelzen von Gefrorenem zu tun.“ Seiner Stimme war anzuhören, dass er sich einen Spaß mit ihr machte.

„Mmh.“ Sie versuchte, zu raten. „Also, du kochst, und es gibt eine Eisbombe zum Nachtisch!“

„Das hast du jetzt gesagt. Lass‘ dich überraschen. So gegen sieben Uhr also. Bis dann.“

„Bis dann, du Zauberer!“

Beide hatten gleichzeitig den Telefonhörer aufgelegt.

Christa freute sich. Antonis hatte lustige Einfälle und vermutlich wollte er sie erheitern, aufmuntern.

 

11.

Mit großer Leichtigkeit war ihr der Tag vergangen. Unbeschwert, beschwingt hatte sie sich auf den Weg zu Antonis begeben.

Als er ihren Schlüssel im Schloss der Wohnungstür hörte, war er offensichtlich zur Tür geeilt. Er hatte ihr geöffnet und sie spielerisch wie der künstlich radebrechende Oberkellner in einem italienischen Restaurant empfangen. Ein weißes Tuch über dem Arm, verbeugte er sich leicht: „Buona sera, signora, willkommen in die Ristorante von die Magier Antonis!“

Er nahm ihr den leichten Schal ab, beugte sich zu ihr, küsste sie zärtlich im Nacken am Halsansatz, flüsterte ihr ins Ohr: „Signora wünschen eine kleine tiisch für due persone?“

Strahlend war er einen Schritt zurückgetreten, so dass Christa nur nicken konnte, nahm sie an der Hand und führte sie auf den Balkon.

„Antonis!“, konnte Christa nur flüstern: Vor ihrer geliebten Efeuecke war ein kleiner Tisch vorbereitet, ein dunkelrotes Tischtuch, das weiße Porzellan mit dem feinen Goldrand, ein bunter Strauß aus Sommerblumen, die sie so liebte, blitzende Weingläser, in denen sich, Christa blieb verwundert stehen, in denen sich der Lichtschein von drei Kerzen brach, hell funkelte.

„Antonis, das ist eine schöne Überraschung!“ Sie wollte sich umdrehen, ihn umarmen, als sie ins Leere griff. Antonis war in der Küche am Wirtschaften.

„Setz dich doch bitte schon, ich bin auch gleich da.“

Sie hörte das Geklapper von Schüsseln, das gleichmäßige Brodeln in einem Topf.

Es sollte ihr recht sein. Sie kuschelte sich in ihre Ecke, als Antonis bereits mit einer Flasche Sherry auf dem Arm auf dem Balkon auftauchte.

„Signora, eine kleine Aperitif?“ Wortlos nickte sie.

Antonis zeigte ihr noch zuerst formvollendet das Etikett der ihr wohlbekannten Flasche, beugte sich dann zum Einschenken zu ihr hinüber. Das sollte für Christa die Gelegenheit sein, ihn endlich zu küssen.

Antonis hatte es offensichtlich im Ansatz ihrer Bewegung bemerkt, richtete sich sofort auf, blickte sie überaus ernsthaft an: „Signora! Bitte keine Schmusigkeiten mit die personale!“

Dann blickte er nach rechts und links, beugte sich verschwörerisch zu ihr hinunter, flüsterte: „Aber wenn ich sie nach die essen noch zu amore finden möchte...“, hatte sich bereits wieder aufgerichtet, war verschwunden, ehe Christa noch einen Mucks äußern konnte.

Voller Behagen nippte sie an ihrem Sherry, ließ den Arbeitstag bewusst ausklingen. Ihre Augen glitten entspannt über die Bäume des Innenhofes.

Sie griff nach ihrem Glas auf dem Tisch. Das Funkeln der Tischkerzen in den spiegelnden Flächen des Glases hielt ihren Blick gefangen.

Das Funkeln der Kerzen? Warum hatte Antonis Kerzen auf den Tisch gestellt? Er, der Kerzen mied, er, der alles vermied, in der Nähe von offenem Feuer zu sein, er hatte sich vorhin zu ihr heruntergebeugt, ganz nahe neben den Kerzen, es schien ihn nicht gestört zu haben.

„Es ist alles vorbereitet. Der Koch ist bereits gegangen!“ Antonis stand in der Balkontür, zwinkerte ihr zu: „Nun sind wir unter uns.“

Mit zwei Schritten stand er neben ihr, beugte sich zu ihr herunter und sie konnte ihn endlich küssen.

“Madre mia, o sole mio,...”, Antonis richtete sich wieder auf: „Ich glaube, der Koch ist doch noch nicht gegangen!“

„Ach, du lieber Kindskopf! Was hast du denn gekocht?“

„Es wird nur ein kleines Menü für warme Sommerabende geben: Gurkensuppe mit Tofu und Croûtons, dann Saltimbocca alla romana, dazu Löwenzahn auf Sojasprossen, zum Dessert Mousse au chocolat. Als Tischwein einen würzigen aber leichten Trebbiano D'Abbruzzo mit wenig Säure, Jahrgang 1992.“

Antonis war damit auch schon wieder in der Küche verschwunden, tauchte einige Augenblicke später mit zwei Tellern wieder auf dem Balkon auf.

Christa genoss das Essen. Sie plauderten über den Tag. Es war ein Grundsatz zwischen ihnen, während eines guten Essens die Zutaten, die Zubereitung zu würdigen, indem keine ernsthaften Gespräche geführt wurden, die von dem Essen abgelenkt hätten.

Schließlich lehnte sich Christa zurück: „Du hättest Koch werden können, Antonis. Du bist nicht nur ein Magier der Zauberei, du bist auch ein Künstler der Küche.“

Antonis drehte den Stiel seines Glases zwischen den Fingern, er brachte den Wein mit einer Drehung des Glases in Unruhe. Dann blickte er auf. Christa sah einen ernsthaften Ausdruck in seinen Augen, den sie bisher an ihm noch nicht gesehen hatte.

Er räusperte sich: „Es gibt manches, was ich dir noch nicht erzählt habe. Dazu gehört auch, dass ich tatsächlich eine Lehre als Koch abgeschlossen habe und etwa zehn Jahre als Koch in Italien und Frankreich gearbeitet habe.“

Christa richtete sich auf und wollte ansetzen, etwas zu antworten, als Antonis ihre Hand ergriff, sie fest zwischen seine Hände nahm.

„Bitte, Liebes, lass mich reden. Es ist nicht so einfach für mich und wenn du mich unterbrichst...“, ein unglückliches Lächeln ließ Christa schweigen.

Antonis schien in Gedanken zu versinken.

„Es war eine gute Zeit für mich. Ich habe gerne gekocht und es machte mir Spaß, immer wieder etwas Neues dazu zu lernen. So war ich ständig auf der Wanderschaft, habe ein paar Monate hier und ein paar Monate dort gearbeitet. Es war nie schwierig für mich, eine neue Stelle zu finden, gute Köche sind zum Glück nicht so häufig, wie man es sich wünschen würde. Meine Gesellenjahre waren die reine Wanderschaft, meine Meisterjahre hatten begonnen und ich war am überlegen, irgendwo sesshaft zu werden, nach Hause zurückzukehren und ein eigenes Restaurant zu eröffnen, als eine jähe Wende eintrat.“

Antonis verstummte. Er schien in Gedanken weit entfernt zu sein.

„Ich war mit meinem Motorrad unterwegs, es war auf dem Weg von Nizza nach Paris, es sollte meine letzte Arbeit als Angestellter sein, als..., ich bin vielleicht zu schnell gefahren, vielleicht hatte ich auch zu wenig geschlafen..., ich sah nicht den Wagen, der auf der Landstraße überholte und mir entgegen kam..., unser beider Reaktion war zu spät. Ich habe es überlebt..., man hat mich aus den brennenden Trümmern herausgezogen..., meine Ledermontur und der flache Helm, den man damals trug, haben mich vor den Flammen geschützt. Mein Gesicht....“

Er schloss die Augen, holte tief Luft, griff nach seinem Glas, trank einen Schluck, sah Christa an.

„Du hast mich gestern Abend etwas gefragt. Auch wenn es nicht mit Worten war. Dein Blick war viel sagend, vieles fragend. Wie du mich anschautest, als würdest du versuchen, hinter die Weiße meines Gesichtes blicken zu können. Ich wusste, dass dieser Zeitpunkt irgendwann einmal kommen würde, ich wollte ihn dich bestimmen lassen.“

„Antonis!“ Christa wollte versuchen, ihm zu erklären, dass es zwar richtig war, aber, gestern war es noch wichtig, heute war es egal.

Antonis schüttelte stumm den Kopf.

Er umfasste ihre Hand, stand auf, bedeutete ihr, mit ihm zu kommen. Christa war widerstrebend, war neugierig zugleich. ‚Etwas Gefrorenes würde schmelzen’ hatte Antonis ihr als Überraschung angekündigt.

Er führte sie in sein Schlafzimmer, schaltete das Licht am Schminktisch an und wandte sich wieder zu ihr.

„Bitte setz dich neben mich.“ Er selbst zog sich einen zweiten Stuhl heran, setzte sich mitten in das helle Licht der Glühbirnen, zog eine Dose zu sich heran, die am Rand des Schminktisches stand, nahm ein Papiertuch aus der daneben stehenden Pappschachtel.

„Ich war einige Monate in einer Spezialklinik für Verbrennungen. Es ist ein langwieriger und schwieriger Weg und erfordert mehrere Operationen, Haut zu transplantieren.“

Mit sicheren, geübten Bewegungen hatte er mit dem Papiertuch Creme aus der Dose mit Abschminke entnommen, sie auf sein weißes Gesicht aufgetragen. Dann nahm er ein zweites, trockenes Tuch, begann, sich die Creme aus dem Gesicht zu wischen.

Atemlos betrachtet Christa im Spiegel, wie unter der weißen Schicht hellbraun, rosa, weißliche Haut sichtbar wurde. Mit sicheren Bewegungen griff Antonis ein neues Papiertuch, blickte Christa durch den Spiegel hindurch an.

„Ich hatte Angst bekommen. Angst vor Flammen und Feuer. Wenn ich nur in die Nähe eines Gasherdes kam und das leise Geräusch des ausströmenden, verbrennenden Gases hörte, bekam ich sofort Schweißausbrüche. Als Berufskoch arbeitetest du aber, bis auf wenige Ausnahmen an Gasherden. Aber was soll es, meine Laufbahn als Koch war beendet. Ich war berufsunfähig geworden.“

Antonis nahm ein neues Tuch, schloss die Augen und begann, die weiße Schicht um die Augen herum zu entfernen.

„Und wenn ich dann aus der Klinik nach draußen ging und die Menschen, denen ich begegnete – sie starrten mich an, als wäre ihnen Frankensteins Ungeheuer begegnet – war ich in Gefahr, lebensunfähig zu werden.“

Er nahm ein weiteres Tuch, entblößte seine Nase, seine Wangen mit langsamen, geübten Bewegungen von ihrer weißen Schutzschicht.

„Als ich in Depressionen zu versinken drohte, gastierte ein Zirkus in der Nähe der Klinik...“, der Blick von Antonis glitt in weite Entfernung, „Circus Barelli nannte er sich, auch wenn der Inhaber Hans Schröder hieß...“, noch in der Erinnerung musste Antonis still lächeln, „und ich freundete mich mit dem Weißclown an. Alles, was ich in der Klinik an Hilfestellungen in Schminktechnik nicht annehmen wollte, von ihm lernte ich mich zu schminken, lernte, andere Menschen zum Lachen zu bringen, lernte, wie sich Menschen freuten, wenn sie mich sahen.“

Antonis griff nach einem letzten Papiertuch, um auch seinen Hals von der weißen Schicht zu befreien.

„Nach zwei Jahren Lehrzeit, die ich mit Barelli auf Wanderschaft war, bin ich dann doch sesshaft geworden.“ Er drehte sich zu Christa. „Und dann bin ich dir begegnet.“

Christa saß bewegungslos neben Antonis. Sie hatte sich kaum auf seine Worte konzentrieren können. Gebannt war sie mit ihren Augen den Bewegungen seiner Hand gefolgt, war versucht, ihm die Papiertücher aus der Hand zu nehmen, wie eine Mutter ihrem Kind, ihm zu helfen, war versucht, aufzuschreien, zu flüstern: Hör’ auf, Geliebter! Ich will dich so! So, wie du warst!, blieb stumm, kam nicht an gegen die Ruhe, mit der Antonis ein Papiertuch nach dem anderen der Pappschachtel entnahm, die weiße Schicht entfernte.

Antonis betrachte Christa fragend: „Ich hoffe, ich erschrecke dich nicht zu sehr.“ Er nahm ihre Hand und führte sie an seine Wange, lächelte die Frau seiner Liebe bittend an.

Vorsichtig bewegte Christa ihre Finger, strich über seine Gesichtshaut, über die dunklen und hellen Flecken, über die glatten, über die raueren Partien.

Sie schloss die Augen, überließ sich dem Spürsinn ihrer Fingerspitzen. Sie spürte keine Narben, keine Krater, auch eine Patchworkdecke hat verschiedene Muster und ist dennoch insgesamt eine glatte Oberfläche.

Dann sah sie Antonis wieder an. Die verschiedenen Färbungen, die Partien zueinander verursachten dennoch einen zerstörten Eindruck.

„Christa!“ Antonis flüsterte es beschwörend: „Schließ’ die Augen, bitte.“

Befreit schloss sie die Augen, hörte das schleifende Geräusch der Porzellandosen auf der Marmorplatte des Schminktisches, das Papier rascheln, spürte, wie Antonis die Arme bewegte, verharrte, sich nach vorne beugte, wieder zurücklehnte. Dann räusperte er sich: „So! Nun kannst du mich bitte anschauen!“

Unwillkürlich musste sie lächeln. Ihre Befürchtung fand keinen Anhaltspunkt. Antonis hatte sein Gesicht hellbraun geschminkt. Etwas ungeschickt, etwas ungleichmäßig.

„Vielleicht darf ich dir ein paar Tipps geben?“ Behutsam berührte sie seine Wange, verrieb vorsichtig eine Stelle oberhalb des Wangenknochens, an der das Braun deutlich dunkler erschien.

„Ich habe auch gerade bemerkt, dass ‚natürlich‘ zu schminken erheblich schwieriger ist, als das Weißgesicht“, pflichtete Antonis ihr erleichtert bei, beruhigt, dass der entsetzte Ausdruck aus Christas Augen verschwunden war.

 

12.

Noch lange hatten sie zusammen auf dem Balkon gesessen. Antonis hatte aus seinen Wanderjahren erzählt. Christa hatte ihm voller Freude zugehört, ihn reden lassen, hatte über seine lustigen Erlebnisse mit ihm gelacht, immer von der Angst begleitet, dass die entsetzlichen Gesichter seines Gesichtes vor ihrem inneren Auge auftauchten.

Die Dunkelheit des Abends auf dem Balkon war Schutz für sie gewesen. Sie brauchte sich nur auf ihr Gehör zu konzentrieren. Der weiche Schein der Kerzen hüllte alles in ein mildes, warmes Licht, bis die Nacht ihr Tuch des Vergessens über sie beide ausbreitete.

Der helle Sonnenschein in ihrem Büro reflektierte sich in der Glasscheibe des Bilderrahmens, mit dem sie das weiße Gesicht von Antonis eingerahmt hatte.

Christa betrachtete den dunklen Monitor ihres Computers, ihr Blick verweilte wieder auf dem Foto des fröhlichen Tages an der See. Müde lehnte sie sich zurück

Das Bild des Monitors, das verbrannte Gesicht, das weiße Gesicht, das hellbraune Gesicht, sie war verwirrt.

Ohne es zu wollen, formte der Stift, den sie in der Hand hielt, auf dem Papier vor ihr, Buchstaben, Worte.

Antonis, Liebster! Auf dem Bildschirm, das Gesicht deines Gesichtes, ich habe dir nicht davon erzählt, ein Schreckensfilm im Fernsehen. Doch es war nicht irgendein Schauspieler. Du warst es. Dein Gesicht war es, verbrannt, zerstört. Es hat mir die Sprache genommen. Es hat mich verstummen lassen. Ich habe dir nicht davon erzählen können. Ich muss meine Worte wiederfinden. In mir. Bei mir selbst.

Wenn ich dein liebes Gesicht sehe, schiebt sich ein Schirm davor, ob ich es will oder nicht. Ich kann mich nicht dagegen wehren. Ein zweites Gesicht. Dein elektronisches Gesicht. Ich hatte entsetzliche Furcht, es könnte dein wahres Gesicht sein.

Dieses Bild hat sich bei mir eingebrannt. Ich muss mich davon befreien, um dich wieder sehen zu können, um bei dir sein zu können. Ich muss Abstand zu mir selbst gewinnen.

Ich brauche Zeit. Ein paar Tage. Vielleicht.

Bitte verstehe mich. Deine Christa.

Sie schob den Brief beiseite. Erleichtert blickte sie auf die Buchstaben. Wurde nachdenklich, setzte ein zweites Mal an.

Ist es meine Schuld? Warum habe ich das Bild genommen, warum nicht ein anderes? Ich hatte keines. Es war ein Zufall. Warum bist du auch immer mit diesem verdammten weißen Gesicht herumgelaufen? Hattest du kein Vertrauen zu mir?

Entschlossen legte sie den Stift beiseite, faltete den Brief sorgfältig, nahm einen Briefumschlag, steckte den Brief in die Hülle, verschloss ihn, schrieb die Adresse von Antonis darauf.

Ein Fahrradkurier brachte den Umschlag schon eine halbe Stunde später zu ihrem Geliebten. Antonis sollte nicht warten.

 

13.

Oft blickte sie in den kommenden und vergehenden Tagen auf ihre Uhr. Die Zeit verging umso langsamer, desto häufiger sie zur Uhr blickte.

Er meldete sich nicht. Nicht telefonisch, nicht schriftlich, nicht durch irgendein Zeichen. Nichts.

Hieß es, dass er es stillschweigend akzeptierte, oder bedeutete es, dass er sich gekränkt fühlte, sich in ablehnendes Schweigen hüllte?

Christa ärgerte sich, nicht geschrieben zu haben: Ruf’ mich bitte an!, oder etwas ähnliches, ihm zu sagen, dass sie mit ihm reden wollte.

Ihre Unruhe verstärkte sich, füllte immer mehr Raum ihres Denkens, machte sie arbeitsunfähig, sie wollte es schließlich wissen.

Neunzehn Uhr. Eigentlich war er um diese Zeit normalerweise zu Hause. Das Freizeichen im Telefonhörer krallte sich unbarmherzig in ihren Gehörgang. Immer wieder wählte sie die Telefonnummer. Um einundzwanzig Uhr griff sie sich ihre Jacke, verließ die Wohnung, fuhr zu ihm.

In den Fenstern seiner Wohnung war kein Licht.

Voller Fragen nestelte sie an ihrem Schlüsselbund nach dem Wohnungsschlüssel seiner Wohnung, zögerte, nein, es war richtig, ja, es war notwendig, schloss auf, tastete nach dem Lichtschalter in der Diele, ein unbehagliches Gefühl überkam sie, entschlossen drückte sie auf den eckigen Schalter.

Unwillkürlich hatte sie befürchtet, die Wohnung könnte leer sein: Ausgeräumt, verlassen.

Erleichtert hängte sie ihre Jacke an einen Haken der Garderobe neben der Wohnungstür, ging durch die Räume. Alles war so, wie sie es kannte, bis auf etwas, was ihr auffiel, sie zu begreifen versuchte, nicht erklären konnte.

Die Wohnung war aufgeräumt wie immer. Aufgeräumt, wie Antonis es schätzte. Er war sehr ordentlich, eben aufgeräumt, aber, sie stutzte, zu sehr aufgeräumt.

Langsam wurde ihr bewusst, was sie bereits bemerkt, aber nicht verstanden hatte. Alle persönlichen Dinge von Antonis waren nicht mehr da. Ihr fiel ein, dass er die Wohnung möbliert gemietet hatte. Die wenigen persönlichen Dinge, die er aus seinem einzigen Koffer ausgepackt hatte, waren nur Details gewesen. Details, die nun fehlten. Wenn..., sie wollte nicht weiterdenken, dann müssten auch seine Schminkutensilien am Schminktisch im Schlafzimmer fehlen.

Sie fehlten. Auf der Marmorplatte lag nur ein Brief, ein offener Zettel daneben. Sie erkannte ihre eigene Handschrift auf dem Briefumschlag, drehte ihn um, er war noch verschlossen, nahm das offene Blatt vom Tisch auf und begann zu lesen.

Liebste Christa!

Nun bist du endlich gekommen, um die Verschlusssache abzuholen. Wenn wir miteinander reden können, warum schickst du mir einen verschlossenen Brief?

Ich habe drei Tage gewartet. Heute habe ich die Wohnung gekündigt, meinen Koffer gepackt und bin wieder unterwegs. Bitte gebe deinen Schlüssel beim Hausmeister ab, er ist informiert, dass du vorbeikommst.

Ich gehe nach Frankreich, setze meine Reise fort. Falls du mich suchst, so wirst du mich finden.

Dein Multadeus.

P. S.: Suche nicht in der Außenwelt, vertraue auf die Innenwelt.

© bei Carsten Frerk

zurück zum Seitenanfang

© 2013-2017 Carsten Frerk   Ι   carsten.frerk@t-online.de   Ι   0179 - 3 999 555