Unveröffentlichtes


Belletristik
Aus den Erzählungen "Männer" und der Abteilung "Der libidinöse Mann":
Auf hoher See
Singelitis
Bergdorf

Reisebericht
Entlang der "Siegfriedlinie"













Auf hoher See


Wenden wir uns nun zum ersten Mal den niederen Instinkten der männlichen Liebe zu: der Insamination aufgrund von niederträchtiger Berechnung zum Erreichen eines faulen Lebens.
Und wo früher feine Damen Spitzentaschentücher zu Boden schweben ließen, da lässt der heißblütige Mann von Welt - heute - kaltblütig ein Brieflein flattern.



Äußerlich lässig stand er an der Reling des Finnjet.
Seit das weiße Fährschiff in Travemünde abgelegt und er seine Position bezogen hatte, verharrte er bewegungslos.
Die Sonnenbrille, die seine halb geschlossenen Augen im Schatten beließ, und die Brise des Seewindes, die sein blondes Haar kräuselte, erweckten den Eindruck, er würde sich entspannt der Sonne zuwenden.
Er hatte noch nicht nachgerechnet, die wievielte Fahrt es in diesem Jahr bereits war: die zwölfte, dreizehnte, vierzehnte Reise? Es war ihm egal, es sollte sowieso bald ein Ende damit haben.
Seine Augen musterten intensiv das höher gelegene neunte Schiffsdeck: die ,Commodore Class'.
Er fand seine Beobachtung der vergangenen Reisen bestätigt: Auffallend viele Frauen hatten dort Kabinen gebucht.
Sie hatten ihre Koffer nicht selber hinauf geschafft, die Schiffsstewards konnten sich wahrscheinlich ein gutes Trinkgeld verdienen: Die Commodore Class war extravagant teuer.
Es musste also jemand diese Kabinen bezahlen können. Ob sie es selber waren, oder ihre Männer oder Väter, was interessierte es ihn, das Geld war jedenfalls vorhanden.
Er war es leid, als Handelsvertreter für Landwirtschaftsmaschinen ständig unterwegs zu sein: Er wollte endlich eine feste Adresse, eine Bleibe für sich, nicht diese ständigen billigen Hotelzimmer und diese wechselnden unverbindlichen Affären mit zufälligen Kneipenbekanntschaften.
Ihm stand der Sinn nach etwas Soliderem, etwas mit Klasse: Eine vermögende Dame aus der Commodore Class, die ihm eine kleine, gepflegte Wohnung in Helsinki einrichtete und bezahlte - er würde sie dafür fair bedienen.
Nicht zu jung sollte sie sein, die hatten genügend andere Auswahl, auch nicht zu alt, bemuttern tat ihn schon die eigene zu Hause, so in seinem Alter: Mitte vierzig, das wäre das Ideale.
Unmerklich spannten sich seine Ellbogen auf der Reling: Da war sie.
Der Steward hatte gerade zwei Koffer in die Kabine getragen und durch die verglaste Außenfront konnte er klar sehen, wie sie ihm unauffällig elegant etwas in die Hand drückte, vermutlich das Trinkgeld, und ihn mit einem feinen Lächeln verabschiedete.
Während sie in der Kabine verschwand, musterte er ihr Kostüm: erste Klasse, einfacher Schnitt, der ihre Körperkonturen sehr dezent zur vollen Geltung brachte.
Er merkte sich die Kabinennummer und wartete noch, ob irgendeine Begleitung auftauchen würde.
Nach zehn Minuten verließ er seine Position.
Innerlich rieb er sich die Hände.
Seine erste Überlegung war es gewesen, sich im Treppenaufgang zu postieren, neben dem Aufgang von Deck neun, zu dem der Zugang nur mit einem elektronischen Schlüssel möglich war.
Das war ihm dann zu auffällig gewesen, zu sehr ein Herumlungern, und jetzt wusste er bereits, welche Kabinennummer sie hatte.
Das Glück war ihm offensichtlich hold.
Allerdings war er auch planvoll vorgegangen: Für diese Reise hatte er eine Doppelkabine für sich alleine gebucht.
Das kostete zwar deutlich mehr als seine normale Passage, statt 350,- Mark zahlte er nun 520,-, und seine Firma erstattete nur die normale Passage - die Differenz hatte er aus eigener Tasche zu bezahlen - aber es war die Investition in eine geruhsamere Zukunft. Und diese Zukünftige hatte die Kabine 912 der Commodore Class.
Nun also Schritt drei: die Kontaktaufnahme.
Denn das war ihm klar: Er musste sie auf dem begrenzten Areal des Schiffes kennenlernen und überzeugen. In Helsinki würde er keine Chance mehr haben, sich ihr zu nähern.
Er hatte vier Tage vor sich und drei Nächte.
Viel, aber auch nicht wieder so viel, als dass er sich allzuviel Zeit hätte lassen können.
In der Kabine überprüfte er noch einmal sicherheitshalber seine Finanzen: Sein Sparkonto war etwas geschrumpft, aber Investition in Klasse erforderten eben auch höhere Ausgaben als er es normalerweise für nötig hielt.
Bis zum Abendessen döste er alleine in der Kabine, duschte dann, zog seinen besseren Anzug an - er hatte ihn an Mutter vorbei schmuggeln müssen, um ihren neugierigen Fragen auszuweichen - und machte sich frühzeitig auf den Weg zum À-la-carte-Restaurant ,Adam and Eve'.
Wie geplant, war er einer der ersten Gäste und suchte sich einen strategisch günstigen Platz an einem der kleinen Zweiertische, von dem aus er das ganze Restaurant überblicken konnte.
Der Blick auf die Speisekarte ließ ihn schlucken, denn bereits die preiswertesten Gerichte kosteten das dreifache dessen, was im Selbstbedienungsrestaurant auf Deck sieben verlangt wurde.
Er schob den Gedanken, wieder aufzustehen, beiseite, als sie eintrat und sich suchend umsah.
Unwillkürlich zog er die große Speisekarte vor sein Gesicht.
Sie trug noch das gleiche Kostüm wie am Nachmittag. Er hätte sie aber auch an ihrer Haltung erkannt: Nur wenige Frauen konnten so gerade aufrecht stehen, ohne dabei arrogant zu wirken.
Langsam ließ er die Speisekarten etwas tiefer sinken, schielte unauffällig, wie er aus seiner Perspektive meinte, über den Rand.
Sie hatte auf den Ober gewartet, der sie jetzt zu einem Tisch in seiner Nähe geleitete.
Mit Erleichterung bemerkte er, dass der Ober einen Stuhl zurückzog und ihr einen Platz anbot, auf dem sie seitlich zu ihm saß.
Er konnte die Speisekarte wieder auf den Tisch sinken lassen.
Versunken betrachtete er ihre Nackenlinie, die sich von dem aufgesteckten dunkelblonden Haar bis zum Kragen des Kostüms in einer weichen Schwingung seinen Blicken darbot. In Gedanken strich er schon mit seinen Fingerspitzen auf ihrer Haut entlang, seine Hand glitt gefühlvoll langsam unter den Saum ihres Kostüms, als der Kellner wieder an ihren Tisch trat.
Sie hatte sich schnell entschieden und besprach mit dem Ober ihre Bestellung.
Er versuchte, ihre Stimme zu hören, ihren Klang zu erlauschen, doch dazu war er zu weit entfernt oder sie sprach zu leise.
Ein anderer Ober schreckte ihn auf, als er nach seinen Wünschen fragte und er sich nach einem gedankenvollen, rauhen Gemurmel: Fleisch, dann auf die Speisekarte besann und das nächstbeste bestellte, was er auf der Karte las.
Das Essen verging schnell, zu schnell, und sehnsüchtig folgte er ihr mit seinen Blicken, als sie mit leicht wiegendem Gang das Restaurant verließ.
Der teure, ihren Körper weich umschmiegende Stoff verbarg alles und ließ noch mehr erahnen.
Er schluckte trocken.
Aber eines war nun endgültig klar geworden: Sie reiste allein.
Gott sei's getrommelt! jubelte er innerlich.
Er wollte schon immer einmal eine dieser Klassefrauen im Bett haben.
Beinahe hätte er sein Fernziel aus den Augen verloren.

Nachts, allein in der Kabine, lag er noch lange wach.
Ihr Bild stand vor seinem Auge und er grübelte darüber nach, wie er jetzt den Kontakt zu ihr herstellen konnte. Nur mit Blicken würde nicht klappen.
Sie ging nach dem Essen nicht mehr auf dem Deck herum oder trank an der Bar noch etwas, so dass er sich ihr nicht hätte unauffällig nähern können.
Natürlich musste es stilvoll sein, keine plumpe Anmache. Das war nicht das, was man in ihrer Klasse erwarten durfte. Wie er es auch drehte und wendete, er fand keine Lösung.
Einen Brief?
Hastig suchte er nach Papier und fand schließlich Briefbogen und Umschläge mit dem Schiffsemblem der Reederei in einer der Schubladen der Frisierkommode.
Oh, Gott, wann hatte er zum letzten Mal einen Brief geschrieben? Bei seinen bisherigen Kneipenbekanntschaften waren auch die Frauen willig gewesen und ein Wort hatte das andere ergeben, wobei die Absicht für beide immer eindeutig war.
Angebete! ... Mit oder ohne Ausrufungszeichen?
Egal. Weiter!: Von Ferne sah ich Sie und bin bereits entflammt! ... Schon wieder Ausrufungszeichen?
Egal. Er kämpfte sich durch die Zeilen. Schließlich nahm ihm der Schlaf den Kugelschreiber aus der Hand.

Das Klopfen der Putzfrau ließ ihn am nächsten Morgen verwirrt aufschrecken.
Sie blickte kurz in die Kabine und schloss umsichtig wieder die Tür, als sie ihn nackt auf dem Bett liegen sah.
Er rieb sich die schlaftrunkenen Augen, ein Blick auf die Uhr: die Frühstückszeit war bereits vorbei.
Verwirrt rubbelte er sich durch die Haare, er hatte von ihr geträumt und das Klopfen , der Brief lag noch auf dem Tisch.
Ach ja, der Brief!
Wie sollte er ihn ?
Er schloss die Augen und dachte kurz nach.
Natürlich!: Die Putzfrau: Das könnte ein Weg sein.
Hastig kritzelte er noch die Kabinennummer auf den Briefumschlag und blickte auf den schmalen Korridor hinaus.
Der Reinigungswagen stand nur zwei Türen entfernt. Leise klopfte er an den Türrahmen, so dass die Putzfrau sich ihm zuwandte.
Entschuldigen Sie bitte ..., der fragende Gesichtsausdruck der Putzfrau irritierte ihn, reinigen Sie auch die Kabinen in der Commodore Class?
Die Putzfrau nickte.
Könnten Sie mir vielleicht einen Gefallen tun ..., dabei kramte er in seiner Tasche nach ein paar Münzen Trinkgeld, und diesen Brief nachher in der Kabine 912 abgeben?
Die Putzfrau nickte wortlos, nahm den Brief, die Münzen und steckte alles in ihre Kittelschürze.
Er nickte ihr fröhlich zu.
Das war einfacher, als er gedacht hatte.
Beim Mittagessen erblickte er seine Auserwählte nur kurz, dann war sie wieder auf dem separaten Sonnendeck der Commodore Class verschwunden.
Aber, er frohlockte: während des Essens hatte sie sich unauffällig, aber offensichtlich beobachtend, suchend umgeblickt.
Sie hatte also seinen Brief bekommen und fragte sich, wer der Absender sein könnte.
Natürlich war aus seiner Kabinennummer zu ersehen, dass er nicht auf Deck Neun eine Kabine hatte, aber was störte es? Wenn er diese Schlaffsäcke vom neunten Deck betrachtete, wusste er von ihrer Sehnsucht nach einem richtigen Kerl.

Abends muss er sich beherrschen, nicht aufgeregt draußen auf dem Deck herumzulaufen, eine Zigarette nach der anderen zu rauchen - an Deck gibt es keine Telefone.
Er liegt in seiner Kabine, träumt ein wenig, blättert unkonzentriert in einem Kriminalroman, wartet.
Endlich, 23.00 Uhr, klingelt das rote Telefon an der Kabinenwand, mit dem man mit der Information auf Deck vier verbunden wird oder interne Bordgespräche führen kann.
Er meldet sich.
Eine Frauenstimme klingt in seinem Ohr.
Sie ist es!, bedankt sich für seinen begehrlichen Brief: kirrend, spielerisch.
Wird Sie zu ihm kommen?
Ja: Er soll die Kabinentür nicht abschließen und schon im Bett liegen, wenn sie kommt.
Nach einer halben Stunde endlosen Wartens öffnet sich leise die Kabinentür und das Licht wird vom Türschalter aus gelöscht.
Er sieht ihren Körper im Schattenriss herein gleiten, will das Licht oberhalb des Bettes anknipsen, als sie schon bei ihm ist, ihn bittet, das Licht nicht einzuschalten.
In der Dunkelheit flüstert sie leise, sie wolle ihrem Mann nicht untreu sei, deshalb dürfe er sie nicht sehen, denn was im Dunkeln geschehe, das wisse niemand, das sei nicht geschehen.
Die Zeit vergeht wie im Fluge.
Ihr Körper offenbart alles das, was der anschmiegsame Stoff versprochen hatte.
Er ist sehr einfallsreich, sie allerdings auch.
Er ist begeistert, das hatte er nicht erwartet: eine Dame und gleichzeitig eine richtige Sau - doch schließlich will er sie überzeugen.
Sie nennt ihn: leidenschaftlicher Hengst, er fühlt sich bestätigt.
Dann ist sie, mit einem: Bis morgen nacht, mein Hengst! verschwunden.

Er schläft lange, räkelt sich. Das Frühstück ist egal, das bekommen die Passagiere der Commodore Class sowieso auf ihrem exclusiven Deck serviert.
Er wird sie erst zum Mittagessen wieder sehen können. In aller Diskretion.
Während des Essens lächelt er ihr erinnerungsvoll verstohlen zu, sie lächelt zurück, schlägt die Augen nieder, blickt zur Seite, er versteht: Diskretion. Natürlich.
Er betrachtet ihren geschmackvollen Goldschmuck, das teure Designerkleid. Ja: sie wird eine gute Partie sein.
Als er aufsteht, nickt er ihr verschwörerisch zu, sie lächelt unmerklich zurück.
Behaglich döst er in der Nachmittagssonne im Liegestuhl an Deck. Alles entwickelt sich so, wie er es sich vorgestellt hat: Eine leidenschaftliche, gut betuchte Frau, sehr diskret: Was will er mehr!

Die zweite Nacht wird noch aufregender als die erste. Die Klippen der Neugier sind schon in vertrautere Wellen der Lust übergegangen.
Er ist sich sicher, dass er sein Ziel erreicht hat: so phantasievoll, fordernd und gleichzeitig willig, wie sie sich ihm in der verbergenden Dunkelheit öffnet!
Und ihre Diskretion? Ihr Tick, sie wäre nicht untreu, wenn es dunkel sei? Es sollte ihm recht sein. Falls sie ihm irgendwann doch einmal überdrüssig werden würde, konnte auch er ganz diskret verschwinden.
Leise bittet er sie um ihren Namen und wo sie sich in Helsinki treffen können.
Kirrend beißt sie ihm in den Hals, flüstert ihm eine Telefonnummer ins Ohr: Er solle sie am folgenden Tag um 12.00 Uhr anrufen, dann würden sie sich verabreden.
Kaum ist sie davon gehuscht, schaltet er das Licht ein und notiert sich die Telefonnummer auf einen Zettel.

Das tiefe Signalhorn des Schiffes reißt ihn morgens aus dem Schlaf.
Hastig wirft er seine Kleidung aus dem Schrank und die Waschsachen in den Koffer, stellt ihn bereit.
Die Passagiere gehen bereits von Bord.
Er hastet zur Reling.
Ja: Sie steht schon auf dem Kai, blickt kurz nach oben, er wirft ihr eine Kusshand zu, sie nickt diskret lächelnd und schüttelt leicht den Kopf.
Diese Diskretion!
Der Chauffeur einer großen Limousine öffnet ihr die hintere Tür: ein letzter Blick auf ihre geliebten Beine, die ihn so lustvoll umschlungen hatten.
Sicherheitshalber vergewissert er sich, dass er den Zettel mit der Telefonnummer in der Tasche hat.
Dann schlendert er los, seinen Koffer zu holen.
Das Reinigungspersonal ist schon dabei, die Kabinen aufzuräumen und zu putzen.
Er holt seinen Koffer, kommt an der Reinigungsfrau mit den langen schwarzen Haaren vorbei, die seinen Brief transportiert hatte, blickt abschätzig auf ihren billigen weißen Kunstfaserkittel, auf ihren runden, festen Hintern, an den sich der Kittel in ihrer gebeugten Haltung faltenlos anschmiegt.
Er schnaubt: Wäre ja auch nicht verkehrt, gute Figur, lange schwarze Haare, sicher geil - er dreht sich um - aber die hat eben keine Klasse: Reinigungspersonal, etwas Primitiveres kann es ja gar nicht geben.
Nichts für ihn.
Er lächelt ihr dankbar zu, weil sie ihm so zu Diensten war - sie lächelt wortlos zurück.
Gerade als er an ihr vorbei ist, hört ein leises: Bis nachher, mein leidenschaftlicher Hengst!
Mechanisch geht er weiter.
Die Stimme!
Es war die Stimme der vergangenen Nächte, die Stimme der Leidenschaft.
Er versteht es nicht.
Sie ist doch schon vor zehn Minuten in der großen Limousine weggefahren.
Er steht noch einen Augenblick an der Reling und blickt über die Hafenanlagen und das langgestreckte Rathaus von Helsinki.
Dann greift er in die Tasche, sucht den Zettel mit der Telefonnummer, zerknüllt ihn in der Hand und wirft die Kugel wütend ins Meer.
Eine Möwe, die das weiße Papier für ein Stück Brot hält, trägt es triumphierend krächzend fort.


zurück zum Seitenanfang




Singelitis


Wenden wir uns nun wieder dem wahren Leben zu.
Dabei ist auffallend, dass mit dem ,wahren Leben' insgesamt die Verhaltensweisen und Bedürfnisse des zivilisierten Menschen beschrieben werden, die gemeinhin als ,unkultiviert' moralisch verworfen werden.
Das sind Tatsachen.
Ich weiß, ,Tatsachen' klingt hässlich nach Tat, Tathergang, Tatwerkzeug, Täter - etwas Feststellbarem, Indizien - also dem Feind jeder Phantasie.
Nehmen wir nun also dennoch die Tatsachen des wahren Lebens eines Mannes, kombinieren es mit einer verständlichen Angst und schauen, was passiert.



1.

Hast du ne Idee, warum die Kundschaft immer im obersten Stockwerk wohnt?
Der zweite Mann zuckte nur gleichgültig mit den Schultern: Er stellte die schwere Zinkwanne auf den Boden, wischte sich den Schweiß von der Stirn und brummte: Is doch egal, doot ist doot - nu schließ schon auf!
Der erste fingerte einen Schlüssel aus der Tasche, verglich die Aufschrift am Schlüsselanhänger mit dem Namen auf dem Türschild und nickte: Müller-Trimmel.
Vor der aufschwingenden Tür zögerten sie einen Moment, als würden sie Scheu empfinden, einfach eine fremde Wohnung zu betreten - vielleicht war es auch das Zögern vor der Situation, wie sie den Toten vorfinden würden - da hatten sie schon die seltsamsten Erfahrungen hinter sich: die wenigsten lagen friedlich im Bett.
Für ihren Chef waren diese Verträge ein todsicheres Geschäft - sie schätzten eher die klassisch Verstorbenen, wenn der Lebenspartner anrief: ihnen wurde die Tür geöffnet und der Verstorbene lag friedlich auf dem Bett. Meistens starben die Männer zuerst und die Frauen waren da schon ordentlich, den Mann nicht einfach so herumliegen zu lassen, der Arzt mit dem Totenschein war schon vorbei und wenn sich einer mal aufgehängt hatte, dann war der bereits abgeschnitten, wenn sie eintrafen.
Das einzige, was sie wussten, wenn sie in der Zentrale des Bestattungsinstitutes saßen, der Summer ertönte und sie auf dem Monitor eine Zahl sahen: ein Toter: die Zahl war die Vertragsnummer: im Aktenordner stand dann auf dem Vertrag der Name und die Adresse, da lag der Wohnungsschlüssel in einer Klarsichthülle und obwohl sie den Bereitschaftsarzt sofort benachrichtigten: sie waren immer als erste am Sterbeort.
Der Arzt ließ sich Zeit: es war schon vorgekommen, dass sie unter der vertraglich vereinbarten Adresse keinen Verstorbenen vorfanden: der war dann irgendwo unterwegs dahingeschieden: ihr Einsatz also unnötig, der Arzt auch.
Der Vertragsgegenstand bezog sich nur auf die Wohnungsadresse: wenn man dort alleine starb, dann konnte man durchaus danach schon wochenlang unbemerkt gestorben sein - und genau das sollten diese Verträge verhindern.

2.

Ey! Mach doch mal Licht! Wie soll ich denn mit der Kiste hier durchkommen, wenn ich nischt sehe?
Knips: das Licht im Flur leuchtete: links Küche, rechts Wohnzimmer, Schlafzimmer: wie üblich, nach hinten raus.
Vorsichtig öffneten sie die angelehnte Tür: atmeten erleichtert auf: der Verstorbene lag höflicherweise im Bett.
Der erste hatte die Bettdecke angehoben und dem Toten an den Fuß gefasst: Guck, Otto, der is noch ganz warm.
Na klar, wir sind man von der schnellen Truppe, wa? Damit hatte er den Blechsarg mit einem Rumms auf dem Fußboden abgesetzt, woraufhin Ferdinand Müller-Trimmel senkrecht im Bett saß: Wer? stammelte er: Was? verwirrt: Wer sind sie?
Scheiße, murmelte Otto: der is ja noch garnich doot!
Der erste war korrekter, deshalb hatte er auch den Schlüssel und musste nicht den leeren Blechsarg tragen: Bestattungsunternehmen Hengstenberg: Wir wollten sie abholen, das heißt, der Arzt kommt gleich, von wegen dem Totenschein.
Ferdinand Müller-Trimmel rieb sich die Augen: Was wollen sie mit einem Totenschein?
Ja ..., ohne so nen Schein können wir sie nicht mitnehmen.
Heh, Sie! Ich bin noch ziemlich lebendig, da ist nichts mit mitnehmen!
Nu, Vertrach is Vertrach: da ist nur vereinbart, dass wir sie einmal abtransportieren.
Tot oder lebendig?
Also, da müssen sie schon mitm Chef reden: wenn wir sie jetzt nicht mitnehm, dann kost das sicher was extra.
Das werde ich morgen tun: und nun verschwinden sie: bitteschön!
Aufforderungsgemäß trollten sich die Mitarbeiter des Bestattungsunternehmen Hengstenberg.
Im Treppenhaus fluchte Otto - wieder mit dem Metallsarg auf der Schulter: das ist vielleicht son Scheiß: da schleppste die Kiste hier inne obersten Stock und dann lebt dat Aas!

3.

Das Gespräch mit dem Beerdigungsunternehmer hatte positiv geendet: Ferdinand Müller-Trimmel war es zufrieden: der Einsatz der Sargträger wurde nicht extra berechnet - es konnte schon mal vorkommen, dass die Batterien des Herzschlag-Kontrollsenders aussetzten und sie fälschlicherweise alarmiert wurden - aber er möge sich doch, bitte, die long-life-Batterien kaufen: das wäre in ihrem beiderseitigen Interesse: schließlich würde er, Hengstenberg, am meisten an der monatlichen Bereitschaftspauschale verdienen: sterben würde ja schließlich jeder nur einmal.
Falls es noch einmal vorkommen würde, dann würden sie allerdings eine extra Gebühr berechnen müssen: als Kunde müsse er schon sicherstellen, dass sein Todessignal auch korrekt sei.
Sorgfältig hatte Ferdinand Müller-Trimmel neue Batterien gekauft: die extra-long-life-Sorte: die flachen Scheiben in das Spezialarmband der Uhr eingesetzt und mit der Hengstenberg-Zentrale telefoniert, ob alles in Ordnung sei: es war: der Computer bekam das Signal, dass er lebte. Damit war der Vorfall vergessen.


4.

Bringst du mir noch ein Gläschen Sekt mit?
Ferdinand Müller-Trimmel stand in Unterhose und Strümpfen in der Küche: Er beeilte sich: Das war vielleicht eine scharfe Braut, die er sich da angelacht hatte!
Er klemmte die Sektflasche unter den Arm, die Kräckerschale in der anderen Hand und schloss die Tür des Kühlschranks mit dem Fuß.
Die Braut räkelte sich im kurzen Seidenhemd auf seinem Bett und hielt ihm auffordernd die leeren Gläser entgegen: Ich bin so heiß: da muss ich noch was trinken, kicherte sie.
Er goss ein, passte auf, dass nichts daneben schwappte, bettete sich neben sie, man stieß an, trank und die stöhnungsreiche Fummelei ging weiter.
Dem zweiten Glas folgte noch ein drittes, dann ein viertes: schließlich war die Flasche leer und die Braut meinte: nun sei genug mit dem Rumspielen: Runter mit den Klamotten!
Lag es nun daran, dass Ferdinand Müller-Trimmel schon so viel Gläschen Sekt getrunken hatte - oder weil Männer, wenn sie eine Erektion haben, aufgrund der Blutleere im Kopf: nicht mehr denken können? -, auf jeden Fall zog die Braut ihm nicht nur Slip und Socken aus, sondern streifte ihm auch die Uhr ab: mit Uhr fand sie blöd: könnte kratzen- und dann gab es Typen, die guckten dabei auf die Uhr, als arbeiteten sie im Akkord.

5.

Der Müller-Trimmel ist schon wieder doot?
Otto hatte nur pro forma im Aktenordner nachgeschaut: er hatte die Vertragsnummer auch so noch gewusst.
Willy fingerte den Wohnungsschlüssel aus der Klarsichthülle: Na, dann wolln wir wieder mal.
Den Bereitschaftsarzt würden sie erst aus der Wohnung anrufen.
An der Haustür, unten, entschieden sie sich, den Blechsarg erst einmal stehen zu lassen: bei dem Toten konnte man sich nicht sicher sein, ob er das nun auch wirklich war: und nochmal die Kiste umsonst raufschleppen: das wollte Otto nicht: falls der Verstorbene wirklich tot war, ging er lieber noch ein zweites Mal.
Die Scheu, die Wohnungstür aufzuschließen war schon geringer und als sie die eindeutigen Geräusche hinter der Schlafzimmertür hörten, wurde Willy richtig sauer: Er würde dem jetzt mal erzählen, wo es lang ging, falschen Alarm auszulösen.
Entschlossen marschierten die beiden den Flur hinunter und standen ohne Anklopfen im Schlafzimmer: Von der Frau war nur der nackte Rücken zu sehen: sie saß gerade auf dem ausgestreckten Ferdinand: Otto und Willy guckten interessiert zu: sie machte das echt gut.
Schließlich klopfte Willy laut und kräftig gegen das Holz der Schlafzimmertür: Wir wollen ja nicht stören, aber fürn Toten sind ja ganz schön lebendig!
Mit einem Schrei war die Braut von Ferdinand runter: suchte irgendetwas, womit sie ihre nackten Brüste und die Scham bedecken konnte - während Ferdinand Müller-Trimmel nackt, aufrecht und plötzlich leichenblass im Bett stand: Wollen sie mich zu Tode erschrecken?
Nee, dat wär nicht gut fürs Geschäft, beteuerte Willy.
Die Braut, die inzwischen ihre Wäsche und ihr Kleid zusammengerafft hatte, viel war es ja nicht, presste alles vor sich an sich und drückte sich an den beiden Bestattungsunternehmensmitarbeitern, die ihr bereitwillig Platz machten, vorbei in den Flur.
Otto hatte den nackten Ferdinand begutachtet und meinte nun: Guck, Willy, der hat dat Armband nich am Arm: deshalb der Alarm.
Ferdinand Müller-Trimmel strich sich überrascht über das Handgelenk, suchte hastig nach der Uhr mit dem Batteriearmband: streifte sie sich über, stemmte beide Arme in die Hüften und verkündete: hiermit kündige ich diese Todesversicherung!
Nu, guter Mann, uns können se viel sagen: das müssen sie schon dem Chef sagen: am besten und sowieso nur schriftlich.
Nischt für ungut, wir gehen dann man wieder.
Damit zogen die beiden sich zurück: Otto war froh, dass sie den Sarg unten an der Haustür hatten stehen lassen.
Auch, dass sie den Bereitschaftsarzt nicht Bescheid gesagt hatten, war vernünftig gewesen: sie waren nun schon lange im Geschäft und kannten mittlerweile ihre speziellen Kunden.

6.

Ferdinand Müller-Trimmel versuchte seinen aufgepeitschten Kreislauf zu beruhigen: die Braut hatte sich verdrückt und ziellos wanderte er allein im Schlafzimmer umher - vielleicht hätte er nur eine Potenzpille nehmen sollen? -, sah sich im Spiegel: zog sich den schlappen Präservativ ab: feuerte ihn platschend in die Ecke.
Im Kühlschrank hatte er noch eine zweite Flasche Sekt: die für danach.
Er ließ den Korken knallen, zog sich den Bademantel über und legte sich auf das Bett. Das eine Glas ergab das andere: jedes steigerte die Entschlossenheit, die Kündigung der Todesversicherung sofort zu formulieren: was du heute kannst besorgen ...
Er stand auf, suchte und fand im Dokumente-Ordner die Versicherungspolice, trank noch einen Sekt, saß am Schreibtisch und dachte an die heiße Braut.
Er hatte Schwierigkeiten, sich auf das Blatt Papier zu konzentrieren, setzte an, trank noch einen Sekt, dachte noch immer an die heiße Braut, spürte den Schweiß auf seiner Haut und wie der Kreislauf absackte: der Tod nahm ihm den Kugelschreiber aus der Hand.


7.

Otto und Willy hatten gerade wieder ihre Spielkarten für den Kutscherskat in die Hand genommen, als die Kontroll-Lampe flackerte und eine Zahl auf dem Monitor sichtbar wurde.
Ach nee: Guck mal: Schon wieder dieser Müller-Trimmel.
Ich kann's mir denken: Kaum sind wir raus, kommt die Alte zurück und nun sind se wieder am machen und der hat schon wieder das Armband neben das Bett gelegt.
Lösch doch mal die Meldung und schalt den ganzen Auftrag auf :,Drei Monate abgemeldet: auf Mallorca': So putzmunter wie der Kerl ist, wird der die nächste Zeit nicht sterben - und wir haben unsere Ruhe.


zurück zum Seitenanfang




Bergdorf


Während eines Urlaubs in den Tiroler Alpen kam die Rede einmal auf die sagenhaften Berggestalten, verwunschenen Höhlen, Zwerge und Feen, die einem guten Menschen so nach Bedarf ein paar Wünsche erfüllen.
Das ist doch traumhaft.
Nicht wahr?



1.

Im Schatten der Baumkrone fand Jonathan die gesuchte Kühle. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, lehnte sich entspannt an den Stamm der großen Buche. Friedlich betrachtete er das weit geschwungene Tal zu seinen Füßen und seine Gedanken wanderten zurück, als er darüber nachdachte, wie er hierher gefunden hatte.
Wie jedes Jahr war er nach Sils-Maria gefahren, vierzehn Tage auszuspannen, nichts zu hören, nichts zu sehen, nur für sich zu sein.
Sarah war in München geblieben. Sie hatte noch zu tun, respektierte im übrigen seinen Wunsch, alleine zu sein.
So hatte er, wie jedes Jahr, nur seinen kleinen Koffer gepackt, was brauchte er schon in den Bergen und war am Abend in Sils-Maria angekommen.
Seine Wirtsleute kannten ihn bereits seit dem ersten Jahr, als er hierher gekommen war. Wie gewohnt hatte er das vordere Balkonzimmer bekommen.
No, Herr Jonathan, wieder auf der Suche nach Ruhe?
Die Wirtin begrüßte ihn freundlich zum Nachtmahl, wusste sie doch um seinen Grund, warum er jedes Jahr alleine nach Sils-Maria kam. Verstehen konnte sie sowieso nicht, wie es die Menschen in der Stadt aushalten konnten.
Ah, ja! reckte sich Jonathan, froh, angekommen zu sein, an dem vertrauten Holztisch in der Wirtsstube sitzen zu können. Er spürte das grobe Leinen des rot-karierten Tischtuchs an der Haut seiner Unterarme, ließ den Blick über den gemauerten großen Ofen in der hinteren Ecke des Wirtsraumes gleiten, betrachtete die schweren, dunkelbraunen Deckenbalken, tauchte in die Zeit ein, die hier soviel langsamer verging, als im hektischen München.
Ohne Bestellung stand der Enzian bald vor ihm. Jonathan lächelte: Die Wirtin wusste, dass er als erstes nach der Ankunft immer einen Enzian bestellte, sozusagen als Vorgeschmack auf die Bergwiesen, auf denen er die nächsten Tage wandern, in der Sonne liegen wollte.
Es waren an diesem Abend nur wenige Gäste im Gastraum, so setzte sich die Wirtin zu ihm an den Tisch: Geht's wieder auf die Bergwiesen zur Sandler-Alm?
Ja, ich denke schon. Oder würden Sie mir etwas anderes vorschlagen? Vielleicht gibt es ja noch etwas, was ich noch nicht erwandert habe?
Die Wirtin deutete zum Ofen hinüber, dort, wo auf der Ofenbank der alte Kathrein saß: Da fragen's lieber den Kathreiner. Unsereins kommt vor lauter Arbeit ja kaum vor die Tür. Und wenn ich mal Zeit hab', sitz' i lieber vor dem Haus, als in die Berg herumzuwandern!
Ihr Unverständnis über die seltsame Angewohnheit der Städter, zur Erholung in den Bergen herumzulaufen, war offensichtlich.
Jonathan wechselte von dem großen Tisch zur Ofenbank hinüber, setzte sich neben den alten Kathreiner, der ihre kleine Unterhaltung interessiert mitgehört hatte. Verborgen blieb hier in der Gaststube nichts vor den Ohren der anderen. Im übrigen hatte die Wirtin auch nicht gerade geflüstert.
Jonathan, der gelernt hatte, dass man hier nicht drängeln durfte, wartete, bis der alte Kathreiner von selbst bereit war, ihm die gewünschte Auskunft zu geben: Wenn's sowieso auf die Sandler-Alm wollen ... sind's schon auf dem Weg ins Namloser Bergtal ... es geht immer weiter hinauf ... zwei Tage werden's schon brauchen ... Es gibt für die Nacht auf dem Weg eine Jagerhütte ... die Wirtin soll ihnen eine Decke mitgeben und eine kräftige Brotzeit richten.
Jonathan spürte, der alte Kathreiner war in seiner bedächtigen Art noch nicht am Ende angekommen. Er fasste sich in Geduld und nach einigen Zügen aus seiner Pfeife spann der alte Kathreiner seinen Faden weiter: Es machen sich's nur selten Leut' auf den Weg dorthin ... aber es könnt' Ihnen da droben schon gefallen.
Ein zustimmendes Brummen der Wirtin, von der Schanktheke her, bestätigte Jonathan, dass der Kathreiner nun gesagt hatte, was er sagen wollte.
Haben Sie vielen Dank. Wenn Sie es so meinen, dann will ich dort hinaufwandern. Frau Wirtin! Für morgen früh eine Decke und eine kräftige Brotzeit zum Mitnehmen.


2.

Nach dem Frühstück war er losgegangen, den bekannten Weg zur Sandler-Alm, hatte dort eine Rast eingelegt, nach dem weiteren Weg gefragt, war dann weiter gewandert.
Er war so bei sich gewesen, dass er die fragenden Blicke der Alm-Sennerin nicht bemerkt hatte. Nur wenige Einheimische wussten von der Existenz des Namloser Bergtals und wenn ein Fremder ...?
Jonathan war kraftvoll ausgeschritten, hatte am Abend die Jägerhütte gefunden, mit gesundem Appetit gevespert, sich wohlig müde in die Decke gewickelt, auf dem Strohsack schlafen gelegt.
Am nächsten Morgen ging der Pfad steil bergauf. Jonathan kam ins Schwitzen. Er hatte die Baumgrenze schon lange hinter sich gelassen, verstand allmählich, warum er bisher nie so weit gegangen war. Wenn der alte Kathrein es ihm nicht empfohlen hätte, wäre er schon am Morgen umgekehrt. So stapfte er unverdrossen weiter, denn wissen wollte er nun schon, wohin ihn der Weg führen würde.
Es wurde merklich kühler. Die Wettergrenze drückte die Wolken über die Bergspitzen. Jonathan wanderte unbeirrt weiter, die Kühle tat ihm gut. Er vertraute dem alten Kathrein. Die Wolkenfetzen, die nur die Fernsicht verhinderten, gaben den Bergen ihre Unwirklichkeit, die er suchte.
Allmählich wurde er doch skeptisch: Es ging immer weiter bergauf.
Er hatte sich keine Karte angesehen, aber seiner Vermutung nach war er schon deutlich über der Dreitausendergrenze angelangt. Das konnte nicht sein, da es hier seines Wissens keine Berge gab, die über dreitausend Meter hoch waren. Im Widerstreit, weiter zu gehen, umzukehren, bemerkte er, dass die Wolkendecke aufriss, die Sonne wieder sichtbar wurde. Die warmen Sonnenstrahlen in der kühlen Luft verursachten ihm eine Gänsehaut. Er musste sich schütteln.
Die Steigung wurde flacher. Er konnte erkennen, dass er bald den Bergkamm erreicht haben würde. Dahinter musste das Namloser Bergtal liegen. Seine Schritte wurden wieder schneller, im Bewusstsein, sein Ziel bald erreicht zu haben. Die Geröllsteine knirschten unter seinem schnellen Schritt, bis er abrupt stehen blieb.
Ein weites Bergtal lag vor ihm. So zauberhaft, er wollte seinen Augen nicht trauen. Wenn er ein Tal hätte malen sollen, wie er es sich immer gewünscht hatte, so hätte er dieses Tal gemalt.
Kurz unter ihm begann ein Mischwald mit großen alten Bäumen, die Berghänge schwangen sich in weichen Linien zur Talsenke, auf halber Höhe standen die holzgedeckten Häuser eines Dorfes. Eine Kirche gab es nicht im Dorf, aber die hätte er auch nicht gemalt.
Auf den Wiesen sah er eine Herde Kühe, deren Halsglocken schwach bis zu ihm herüber klangen.
Hossa! Jonathan stieß einen Laut der Überraschung, der Freude aus. Auf der Wiese unterhalb des Mischwaldes sah er eine alleinstehende große, alte Buche. Dort wollte er Rast machen.
Er war angekommen, wischte sich den Schweiß von der Stirn, lehnte sich entspannt an den Stamm der Buche.


3.

Hungrig war er geworden. Die vom Vortag übriggebliebene Brotzeit lag auf der Decke neben ihm ausgebreitet. Er hatte noch im Rucksack nachgesehen, ob er etwas übersehen hatte, doch alle seine Habseligkeiten lagen auf der Decke neben ihm.
Ein Bier müsste man jetzt haben!, wünschte er sich, freute sich über das frisch gezapfte, obergärige Bier neben ihm. Voller Genuss trank er einen großen Schluck, wischte sich den Schaum vom Mund, rülpste schließlich vor Behagen.
Sein Blick wanderte zum Bergkamm - die untergehende Sonne ermahnte ihn, sich ein Nachtquartier zu suchen.
Der Weg zum Dorf hinunter verlief entlang den weich geschwungenen Hügellinien. Er folgte dem Pfad mit den Augen. Obwohl er den ganzen Tag gewandert war, ließ ihn seine Neugier keine Müdigkeit spüren.
Einundzwanzig Häuser hatte er im Dorf gezählt, da sollte wohl eine Unterkunft zu finden sein. Erst wollte er sich alle aus der Nähe ansehen, bevor er sich entschied, wo er fragen wollte, ob er ein Nachtquartier bekommen, für ein paar Tage bleiben könne.
Die Menschen, denen er begegnete, nickten ihm freundlich zu. Er betrachtete voller Gefallen die gut gewachsenen Frauen, die braun gebrannten Männer, die anscheinend gerade ihr Tagwerk beendeten, grüßte fröhlich zurück. Ein Haus war schöner als das andere.
Als er am Ende der kurzen Straße angekommen war, stieg er noch ein kurzes Wegstück den beginnenden Hügel hinauf, das Dorf von dieser Seite aus zu überblicken.
Still stand er, betrachtete versunken die Häuser, die ansteigenden Wiesen, sah, wie die untergehende Sonne die Bergspitzen rot färbte, sich ihr Licht an den Bergspitzen brach, sie mit einem goldenen Rand zu bekrönen.
Hier möchte ich wohnen, dachte er, reckte sich, ging von der Terrasse, auf der er eben noch gestanden hatte, ins Haus hinein.
Ein kräftiges Mischbrot, Rauchschinken und eine gut gewürzte Cervelatwurst!, das würde ihm jetzt wohl schmecken. Er setzte sich an den gedeckten Tisch und ließ es sich gut gelaunt schmecken.
Angekommen, merkte Jonathan, dass die lange Wanderung ihn müde gemacht hatte. So blieb er nicht lange am Tisch sitzen, ging ins Schlafzimmer und lag kurz darauf im Bett.


4.

Die Sonne weckte ihn am Morgen. Jonathan spürte die weiche Wärme auf seiner Haut, öffnete die Augen. Die aufgehende Sonne hatte mit einer leichten Luftbewegung die weißen, dünnen Vorhänge beiseite geschoben, für ihre lebensweckenden Strahlen einen Durchlass zu finden.
Jonathan gab sich dem Genuss hin, zwischen den Decken liegen zu können, zu trödeln, zu sinnieren, bevor er aufstand: Urlaub!, da brauchte er nicht gleich aufzuspringen.
Zum Frühstück frische Milch, zwei Semmeln, ein gekochtes Ei, etwas Honig, ging ihm durch den Sinn. Dann stand er auf, wusch sich, frühstückte in der Morgensonne vor dem Haus, so, wie er es sich gewünscht hatte.
Vormittags ging er durch's Dorf, grüßte nach links: Guten Morgen Vroni, nach rechts: Guten Morgen, schöne Leni, Guten Morgen Bachleitner!, kaufte im Trafik etwas zu Rauchen, wanderte über die Hügel, schwatzte mit den Bauern, fachsimpelte mit ihnen über ihre Kühe und über das Wetter.
Mehrere Tage vergingen. Alles war stets so, wie er es sich gewünscht hatte, dass es so sein möge. Er war kein großer Freund von Veränderungen, So blieb alles regelmäßig, wie er es sich einmal gewünscht hatte. Jonathan war wunschlos glücklich.
Diesen Morgen war er mit in den Wald gegangen, Holz zu schlagen. Voller Spaß hatte er die Muskeln spielen lassen.
Es war Nachmittags geworden, die anderen waren schon ins Dorf gefahren. Jonathan wollte noch etwas bei der großen, alten Buche sitzen, sich ausruhen, um dann später in das Dorf nachzukommen.
Er musste eingeschlafen sein.
Als er die Augen öffnete, sich den Schlaf aus den Gliedern gereckt hatte, fing er an, er wusste auch nicht warum, die Häuser des Dorfes zu zählen. Er zählte einmal, dann noch einmal, dann noch einmal. Es waren, es blieben: zweiundzwanzig Häuser.
Verwundert rieb er sich die Augen. Es waren doch nur einundzwanzig Häuser gewesen, als er hier angekommen war. Woher kam das zweiundzwanzigste Haus? Er musterte das Dorf noch einmal. Ihm wurde bewusst, das alleinstehende Haus am Hügel hinter dem Dorf, das zweiundzwanzigste, das dazugekommene Haus, war das Haus ... in dem er selber wohnte.
Jonathan schloss die Augen: Ich wollt, ich wäre auf der Terrasse, murmelte er, öffnete die Augen wieder, rückte den Stuhl auf der Terrasse etwas mehr in den Schatten.
Jonathan kniff sich in den Arm. Aua! Es hatte weh getan, doch war alles so, wie es war.
Es fröstelte ihn, eine Gänsehaut lief ihm über die Arme. Abrupt stand er auf, eilte durch die Räume, verkroch sich im Bett.
Als ihm unter der Bettdecke wärmer geworden war, starrte er vor sich hin. Er fühlte sich allein. Einsam und verlassen.
Seine Gedanken wanderten durch das Dorf, zu den Menschen, mit denen er die Tage zusammengesessen hatte, gegessen, getrunken, gearbeitet hatte, gelacht und ...: wenn die Vroni wenigstens abends eine Stunde bei mir sein könnte.
Sie strich ihm kichernd über den Bauch, die Wärme ihrer Haut übertrug sich auf seinen Puls. Wohlig streckte er sich unter ihrer Berührung, ihre Körper schmiegten sich ineinander, umeinander, seine Hände wussten zuerst nicht, wo sie überall gleichzeitig sein wollten. Jonathan seufzte innerlich: Ein Körper wie ein Traum und Vroni hielt, was er sich versprochen hatte. Nach einer Stunde musste sie fort.
Jonathan war noch außer Atem, schaute auf die Uhr. Acht Uhr war es erst. Er konnte noch nicht schlafen, zog seinen Morgenmantel über, ging die Treppe zum Wohnraum hinunter, nahm sich einen Enzian aus der immer gefüllten Flasche und setzte sich vor das Kaminfeuer.


5.

Er war hellwach, dachte über die vergangenen zwei Stunden nach. Von der Buche, zur Terrasse, zum Bett, zu Vroni. Nachdenklich betrachtete er die Enzianflasche: Sie war voll. Er goss sich noch einen Schnaps ein, stellte die Flasche auf den Tisch, sie blieb voll.
Jonathan erinnerte sich, vorgestern den Wunsch geäußert zu haben, immer eine gefüllte Flasche Enzian im Haus zu haben.
Nachdenklich betrachtete er die immer gefüllte Flasche mit dem Enzian und entschied: Ich möchte jetzt keinen Enzian mehr haben.
Nichts passierte. Die Flasche blieb stehen, wo sie stand.
Jonathan kratzte sich hinter dem Ohr. Ich will jetzt einen Kirsch haben!
Zwei Flaschen standen auf dem Tisch. Ein Enzian, ein Kirsch. Jonathan goss sich einen Kirsch ein, stellte die volle Flasche zurück. Einen Enzian, noch einen Kirsch, Jonathan kicherte: Von wegen, dass man nur drei Wünsche frei hat!
Er stutzte. Wenn das stimmte, nichts sprach dagegen, das Kaminfeuer wärmte ihn von außen, der Kirschen-Enzian wärmte ihn von innen, dann wünschte er sich, dass die Leni für eine Stunde zu ihm kommen würde.
Lächelnd schob sie ihre Hände unter den Morgenmantel, der sich unter der Bewegung ihrer weichen Haut öffnete. Jonathan lehnte sich genießerisch zurück. Er hatte schon in den letzten Tagen ihr kesses Reden bewundert, und bei Gott, die Frau verstand ihr Mundwerk.
Nach einer Stunde musste sie leider fort. Jonathan war endlich müde.


6.

Am nächsten Tag hatte Jonathan keine Lust aufzustehen, vertrödelte den Tag mit Lesen, mit Nachdenken, was er sich denn noch so alles Gutes antun könne.
Er hörte die Uhr in der Diele die volle Stunde schlagen. Unwillkürlich zählte er mit. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Pause. Also sieben Uhr.
Der Ansturm Vronis ließ ihm das Buch aus der Hand fallen. Als er sich von seiner Überraschung erholt hatte, war ihm das Spiel schon recht. War es gestern noch neu, so wusste er heute schon mehr, was ihr Spaß machte. Auch Vroni war kenntnisreicher geworden, was Jonathans Vorlieben betraf.
Keuchend holte er Luft, als Vroni sich blitzschnell anzog, ihm noch einen Kuss zuwarf und verschwunden war.
Jonathan blickte auf den Nachttisch: Acht Uhr. Gerade hörte er auch die Dielenuhr die volle Stunde anschlagen.
Etwas erschöpft lehnte Jonathan sich zurück. Er versuchte zur Besinnung zu kommen. Er schüttelte sich, dachte, dass ihm vielleicht ein Enzian oder ein Kirschwasser helfen würde, wieder etwas klarer im Kopf zu werden, seinen Kreislauf anzuregen.
Gerade goss er sich ein Glas aus der immer vollen Flasche ein, als er spürte, wie sich eine weiche Hand von hinten an seinem Morgenmantel vorne zu schaffen machte. Er brauchte sich nicht umzudrehen.
Na, heute so steif? Auch an den richtigen Stellen? Lenis Stimme hüllte ihn verführerisch ein, die Frau verstand auch ihr Handwerk.
Als sie nach einer Stunde gegangen war, schleppte Jonathan sich erschöpft ins Bett. Was zuviel ist, ist zuviel.


7.

Bis zum nächsten Mittag hatte Jonathan tief geschlafen. Müde, aber gut gelaunt, war er aufgewacht. Noch im Halbschlaf saß er am Tisch, hatte sein gewohntes Frühstück gegessen. Der Kaffee weckte allmählich seine Geister, seine Erinnerungen. Ihm wurde schwummerig.
Er fühlte sich allein. Allein gelassen mit seinen Wünschen. Ach, Sarah, könntest du doch hier sein!
Die warmen, weichen Hände, die sich von hinten über seine Augen legten, waren ihm sehr vertraut.: Sarah!
Er sprang auf, mit einem: Liebling! schloss er sie in seine Arme. Ihre kräftige, innige Umarmung - wie sehr er sie vermisst hatte.
Wir haben uns so lange nicht berührt, hörte er sie in sein Ohr flüstern. Ehe er etwas dagegen tun konnte, hatte sie ihn in das Schlafzimmer gezogen, begann liebevoll, ihn zu entkleiden.
Viel Zeit brauchte sie dafür nicht, Jonathan war ja noch gar nicht richtig aufgestanden. Sarah hatte sich auch ihrer Kleidung schnell entledigt, nach so langer Zeit der Trennung brauchte sie kein langes Vorspiel.
Sarah stutzte. Freust du dich denn gar nicht?
Jonathan schluckte. Doch schon, aber wie sollte er es ihr erklären, dass die letzten Abende ihn viel Kraft gekostet hatten? Aber schließlich war Sarah eine erfahrene Frau und bekam, was sie wollte.
Jonathan verschlief den Nachmittag, in Sarahs Armen. Er war völlig erschöpft, begann, an seiner Männlichkeit zu zweifeln. Mit halb geöffneten Auge fiel sein Blick auf die Nachttischuhr: Fünf Minuten vor sieben!
Er war sofort hellwach, brauchte aber dennoch ein paar Minuten, bis er seine Kleider zusammengesucht, sich angezogen hatte. Voller Panik stürzte er die Treppenstufen hinunter, hörte beim Zuziehen der Tür noch Vronis Stimme aus dem ersten Stock: Aber hallo, wer sind denn Sie? Die Tonlage schien ihm keinen freundlichen Eindruck zu bedeuten.

Jonathan lief, was die müden Beine her gaben. Auch wenn er vorhin noch erschöpft gewesen war, als die Nacht hereinbrach war er bereits über die Berge in das erste Tal hinab, fiel wie besinnungslos auf den Strohsack der Jägerhütte.
Der Schlaf brachte ihm keine Erquickung, zu sehr saßen ihm seine Wünsche in den Lenden.
Die Sonne war noch kaum aufgegangen, als er bereits wieder unterwegs war. Vormittags war er bei der Sandler-Alm vorbei - die Sennerin blickte dem Lärm fragend hinterher - Mittags stürzte er in das Wirtshaus von Sils-Maria.
Kathrein saß, wie immer, auf der Ofenbank, rauchte seine Pfeife. Atemlos ließ sich Jonathan neben ihm auf die Ofenbank fallen.
Der alte Bergbauer schmauchte seine Pfeife, als wäre er nicht überrascht: Tja, Herr Jonathan, man muss scho aufpasse, dass einem die Wünsche nicht in Erfüllung gehen.


zurück zum Seitenanfang




Von Rosen, Denkmälern und Soldaten
Entlang der ,Siegfriedlinie'
Ein sehr persönlicher Reisebericht

"We are hanging our washes on the Siegfried-Line": Ein englisches Soldatenlied. Die Siegfriedlinie - der vom deutschen Generalstab 1914 festgelegte Verlauf der Rückzugslinien - von Ypern, über Arras, St.Quentin, Reims, Verdun, Lunéville bis Mülhausen: das belgische und französische Land Flanderns, der Argonnen und der Ardennen, dessen Boden durch vier große Kriege in den vergangenen zwei Jahrhunderten mit Blut getränkt und durch Metall verwüstet wurde.
Mein Großvater, 1914 Soldat und im zweiten Kriegsmonat gefallen, und nun, nach achtzig Jahren, der Enkel als Besucher der Schlachtfelder.

Douaumont: Der ansteigende Hügel ist mit Rosensträuchern bepflanzt. Sie blühen: 14.637 einzelne Rosenbüsche. Vor dem dunklen Grün des gepflegten Rasens wird das Rot der Blüten noch intensiver. Ein Garten Eden?
Nein. Ein Garten des Todes und Gärtner war der Sensenmann, der fremde Feind, die eigenen Truppenkommandeure, die mit ihren Befehlen Hunderttausende in die Schlacht schickten.
Jeder dieser Rosenbüsche steht vor einem weißen Kreuz. Auf jedem Kreuz eine kleine Tafel mit einem Namen und einem Datum. Und so verschieden die Namen und die Daten sind, alle haben sie etwas gemeinsam: "Morts pour la France" - Gestorben für Frankreich - ist das eine, so steht es als Basiszeile auf jeder dieser Tafeln. Das andere: Es sind nur Mannschaftsdienstgrade und Unteroffiziere, die hier ihre letzte Ruhestätte fanden. Eine gesamte Division. Ohne Offiziere. Sich selbst überlassen.
"Necropole Nationale" - Nationale Totenstadt - bedeutet eine große Kupfertafel oben auf dem Hügel. Dort, wo die großen Parkplätze angelegt sind, dort wo die Besucher ankommen und den Hügel hinab schauen. Dort, wo die Kränze niedergelegt werden. Die begrabenen Soldaten drehen ihnen den Rücken zu, den Besuchern und den Kränzen. Die Namensschilder sind talwärts angebracht, blicken über die Hügelketten hinweg nach Verdun. Wird der Besucher gewahr, dass er, hier oben, in der letzten Reihe der Toten steht?
"Morts pour la France"? Hat man die Soldaten gefragt, für wen sie ihr Leben gaben. War es für Frankreich? Oder war es für ihre Familie, ihre Frauen und Kinder, ihre Eltern, ihre Kultur, die sie verteidigen wollten gegen den Angriff?
Das Deutsche Reich hatte am 3. August 1914 Frankreich den Krieg erklärt und die deutschen Truppen waren marschiert. Sieben deutsche Armeen überschritten gleichzeitig die Grenzen. Alle hatten mit diesem Krieg gerechnet, hatten ihn kalkuliert. Nur nicht so früh. Für 1916/1917 war er einkalkuliert worden, nicht schon für 1914. Mit Blumen und mit fröhlicher Begeisterung waren die deutschen Truppen zu Hause verabschiedet worden.
Waren sie bereit gewesen, für Deutschland zu sterben? Oder war ihre Bereitschaft, ihre, wie die der acht Millionen französischer Soldaten, der zwei Millionen amerikanischer Soldaten, die in diesen Krieg zogen, schlicht das Militärgesetzbuch?
Ein Buch, das ihnen keine Alternative gelassen hat.
Mitmachen bedeutete das Risiko, ehrenvoll für "Gott und Kaiser" getötet zu werden. Später wurde daraus "Für Führer und Vaterland". Und heute?
Sich dem Krieg zu verweigern hieß Kriegsgericht wegen Fahnenflucht, Todesurteil und der sichere Tod. Hatten sie dennoch eine Alternative?
Wenn der Krieg "die Fortführung der Politik mit anderen Mitteln" bedeutete: Hatte sie jemand gefragt, ob sie bereit waren, diese Politik mit fortzuführen? Nicht nur ihre politische Stimme, sondern auch ihr persönliches Leben abzugeben?
Brauchte man nicht. Es war alles gut vorbereitet. Die Begeisterung, die fröhliche Zustimmung machte jede Frage überflüssig. Und heute? Nein, wir sind nicht mehr fröhlich.
Nur allein in der näheren Umgebung von Verdun gibt es 74 Militärfriedhöfe mit 153.969 identifizierten Toten: 80.726 Franzosen (auf 43 Friedhöfen), 54.845 Deutsche (auf 29 Friedhöfen) und 18.398 Amerikaner (auf 2 Friedhöfen).
Unvorstellbare Zahlen? Jeder kann an diesen 153.969 Namen vorbeigehen. Jeder von uns.
Einzeln. Name für Name.
Und doch, was bedeuten sie gegenüber den 130.000 französischen und deutschen Männern, deren Körper, deren Individualität nicht mehr zu identifizieren war und die gemeinsam in den Grüften des Beinhauses von Douaumont beerdigt wurden.
Und doch, was bedeuten diese 130.000 "Unbekannten Soldaten", die oberhalb der 14.637 Einzelkreuze ein gemeinsames Grab bekamen, gegenüber den 750.000 Toten nur in den Schlachten um Verdun?
Die Statistiker, die wertfrei auch den Tod zählen, nennen uns Gesamtzahlen.
67 Millionen Soldaten zählte der Erste Weltkrieg. Tote?: 8.732.545 Männer. Tote. Acht Millionen .... "Im Tod sind wir alle gleich". Die Quote lässt sich ausrechnen: Sie ist 8 : 1. Ein Trost ? Hat man dann diese Soldaten alleine gelassen?
Ist aber nicht so: Eine Kultur, die zwischen Himmel und Hölle unterscheidet, tut Folgerichtiges, wenn die einfachen Soldaten, die in der Hölle der Schlachten von Verdun getötet wurden, auch für sich bleiben. Die Lichtgestalten der Offiziere und der Befehlshaber wären dort auch nicht unterzubringen, denn in dieser Hölle herrscht Ordnung: 45 Kreuze nebeneinander, in jeweils 12 Reihen hintereinander, dann ein großer Zwischenraum und wieder 45 Kreuze nebeneinander und 12 Reihen hintereinander, und dann wieder ... Da liegt keiner außerhalb der Reihe. Wo also hätte man die Offiziere plazieren sollen? In Reih und Glied mit ihren Soldaten? Nein, das darf und deshalb kann es nicht sein. Dann könnte man ja auch gleich die Offizierkasinos abschaffen!
Offiziere kamen nach Hause, lebendig oder tot. Und wenn man, aus nationalen Gründen, doch in der Gegend blieb, dann bekam Offizier ein eigenes Mausoleum, wie Oberst Driant. Das ist der Kommandeur des 56. und 59. Jägerbataillons, der in der französischen Nationalversammlung, als Abgeordneter von Nancy, den Gesetzesentwurf über die Schaffung des Kriegsverdienstkreuzes einbrachte.
Was haben die einfachen Soldaten eingebracht?
Ihren Glauben? Auf dem kleinen französischen Militärfriedhof von Tracy-le-Mont, 200 km von Verdun entfernt, stehen die Kreuze in langen Reihen. In den Reihen der Kreuze immer wieder Grabstelen, die oben in einem Doppelbogen auslaufen, in den Halbmond und Stern eingraviert sind - für die Soldaten der moslemischen marokkanischen Infanterie - und auch einzelne Stelen mit halbrundem Abschluss und einem Davidstern - für die französischen Soldaten jüdischer Religion. Kamerad neben Kamerad, gleich welchen Glaubens.
In Douaumont ist dagegen die Welt in Ordnung: Felder mit 12 x 45 Kreuzen, christlich, alle Reihen parallel zum Beinhaus, das nächste Feld mit Kreuzen, christlich, alle Felder sind so angelegt, bis auf ein anderes: Moslemische Stelen, und nur solche, 16 x 50, quer zum Beinhaus. Und die jüdischen Franzosen? Da muss man schon suchen.
Zitat: "Das Beinhaus wurde am Ort des ehemaligen Vorwerks von Thiaumont erbaut, dessen Name einige hundert Meter weiter westlich auf einer zerstörten Mauer zu lesen ist. Daneben erhebt sich ein Denkmal der Israeliten, die freiwillig für Frankreich gestorben sind." Zitatende.
Das Beinhaus ist eine katholische Einrichtung. 1920 wurde der Grundstein gelegt, 1927 die Knochen aus dem provisorischen Beinhaus überführt, 1932 das Gebäude vollendet und geweiht. Das Geld für den Bau wurde durch die Katholiken Frankreichs, Belgiens, Kanadas, der Schweiz und der Vereinigten Staaten aufgebracht. In Deutschland gab es damals keine Katholiken.
Im Turm des Beinhauses eine Glocke. 2,3 Tonnen schwer: Die Siegesglocke.
130.000 Soldaten liegen hier in Grüften begraben. Franzosen und Deutsche, durch Sprenggranaten bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt.
Einer von ihnen wurde unter dem Triumphbogen in Paris beigesetzt. Als glorreiches ,Grabmal des Unbekannten Soldaten'. Ein Franzose. Wer weiß es? Ein Deutscher?
"Geschichte muss spätestens alle fünfzig Jahre neu geschrieben werden". Ist sie inzwischen neu geschrieben worden?

Szenenwechsel.

Verdun (Keltisch: "starke Festung"), heute: "Ville de la Paix" (Stadt des Friedens).
Französische Garnisonsstadt, auch heute noch. Februar 1916 mussten alle Einwohner die Stadt verlassen und die Stadt Verdun wurde militärischer Befehlsstand, Nachrichten- und Nachschubzentrum.
Verlässt man das Gebäude der Tourismus-Information, stehen dem heutigen Besucher unvermittelt fünf überlebensgroße Soldaten gegenüber. Zum Ruhm und zur Ehre der glorreichen französischen Armee.
An der Hauptstraße, zwischen den Wohnhäusern, in den Berghang hinein gebaut, der die untere Stadt am Fluss von dem Burgberg trennt, auf dem die Zitadelle errichtet wurde, steil ansteigende breite Stufen, die in einem Siegerdenkmal enden. Die schwerttragende Figur, die das Denkmal krönt, überragt die Häuser der Stadt.
"Stadt des Friedens"? Nur durch das Aufkleben eines neuen Etiketts wird der Inhalt nicht verändert. Die obere Krypta enthält das goldene Buch der Ordensträger. Das Monument wurde 1929 geweiht.
1984 haben der französische Staatspräsident Mitterrand und der deutsche Bundeskanzler Kohl auf dem Militärfriedhof von Douaumont feierlich bekräftigt, dass Franzosen und Deutsche keine Gegner mehr seien, sondern Freunde geworden sind.
Gibt es eine ähnliche Feier auf einem deutschen Militärfriedhof in Deutschland für deutsche Soldaten?
1995 erklärt der französische Staatspräsident Chirac in Anbetracht der wirtschaftlichen Schwierigkeiten: "La France est belle, la France est forte, la France est riche!" (Frankreich ist schön, Frankreich ist stark, Frankreich ist reich.)
Ist es eine männliche Nation? Ist es ein männliches Imponiergehabe, mit einer Potenz zu prahlen, die man gar nicht hat?
1914-1918: Der glorreiche "Große Vaterländische Krieg" Frankreichs? Größe, die sich in der Zahl der Toten ausdrückt?
Militärisch wurde der Erste Weltkrieg durch das Eingreifen der amerikanischen Armeen beendet. Das muss man allerdings in den Fußnoten oder im Anhang nachlesen.
Je geringer der Anspruch, desto größer die Denkmäler?

Szenenwechsel.

Mont de lion (Berg des Löwen). Ein Ort der besser bekannt ist als "Die Schlacht bei Waterloo" oder "Die Schlacht von Belle-Alliance".
Eine alles überragende künstlich aufgeschüttete Rundpyramide. Ein Hinweisschild: "Herzkranken wird vom Aufstieg abgeraten." Als Krönung ein riesiger Löwe. Auf dem Parkplatz eine Statue Napoleons.
Alles zusammen - in der Biegung einer Landstraße - zwei Restaurants - "Napoleon" und "Les Allies" liegen sich gegenüber - die Rundpyramide mit dem Löwen, ein Panorama-Gebäude, weiß gestrichen und das Besucherzentrum mit Spektakel, Kino und Souvenirs: Alles Napoleon.
Aber der Eindruck täuscht und die Geschichte war anders: 1815 hat hier der letzte große Franzose, Napoleon Bonaparte, seine letzte große Schlacht gegen die alliierten Engländer, Preußen und Niederländer verloren.
Die Rundpyramide mit dem riesigen Löwen, gegossen aus dem Metall französischer Kanonen, ist eigentlich dem Andenken an den Prinzen von Oranien gewidmet, damaliger Oberbefehlshaber der niederländischen Truppen, der an dieser Stelle verwundet wurde. Nur steht das Denkmal inzwischen nicht nur in Belgien - 15 Jahre nach der Schlacht bei Waterloo trennten sich die katholischen Provinzen der Niederlande und gründeten den Staat Belgien - sondern auch noch in dem wallonischen (sprich: französischen) Teil Belgiens. Was soll man denn da noch mit einem protestantischen und niederländischen Prinzen?
Diese Peinlichkeiten kann man am besten vertuschen, indem man nicht darüber spricht.
Und war das nicht eine phantastische Niederlage, die dieser Napoleon da hat wegstecken müssen? Ihm soll es ja "auf 200.000 Tote mehr oder weniger" nicht angekommen sein.
Zitat: "Das Bedürfnis, seine Macht nicht nur auszuüben, sondern sie auch ständig, zum Teil durch symbolische Akte, demonstrativ unter Beweis zu stellen, sie unablässig im Triumph über andere, in der Unterwürfigkeit von anderen, reflektiert zu sehen - eben dies ist ,Gloire'." Eine Mentalität, die in Deutschland mit Kaiser Wilhelm II. oder dem Führer Adolf Hitler verbunden werden würde.
Stellen Sie sich einmal vor, was passiert wäre, wenn dieser Napoleon - anscheinend hat er da ganz alleine gekämpft - die Schlacht gewonnen hätte! Wir würden heute alle französisch sprechen.
So hat diese Kurve an der Landstraße zwei Seiten: die ruhmreiche Erinnerung an einen großen Franzosen, der sich glorreich geschlagen hat, und die Tatsache, dass Blücher noch rechtzeitig mit der preußischen Artillerie kam, um dem Herzog von Wellington beiseite zu stehen.
,Zwei gegen einen' war immer schon unfair. Je nachdem, wie man es betrachtet. Kein Wunder, das der tapfere Napoleon verlieren musste. Vom Herzog von Oranien sprechen nur noch die Historiker.

Szenenwechsel.

Tracy-la-Val. Mein Großvater muss hier irgendwo begraben sein. Mein Vater war erst sechs Monate alt, als sein Vater im September 1914 auf dem Vormarsch der 1. deutschen Armee hier starb.
Ein Kriegskamerad hat es für meinen Vater aufgeschrieben: "Da kommt die Dunkelheit und breitet ihre Schleier über all das Grauen, das wir Menschen unter uns angerichtet haben. Wir schleichen umher, die Opfer zu suchen. Ich gehe zu meinem Freunde, mit drei Getreuen seiner Korporalschaft tragen wir unsern teuern Toten zu seiner letzten Ruhestätte, die wir ihm auf dem Schlachtfelde, südlich der Straße bereiten. Ein Teil der 12. Korporalschaft, der Kompaniefeldwebel und ich, wir hüllen unsern Kameraden nach Kriegsart in seine Zeltbahn, legen ihn in das frische Grab und decken ihn mit seinem Mantel zu. Unter dem Singen der vereinzelten Geschosse einer zur Ruhe gehenden Schlacht bedecken wir den größten Jammer des Tages mit frischer Erde und schmücken das Grab mit einem aus Birkenästen gebunden Kreuz. Noch spät in derselben Nacht kommt Befehl zum Rückmarsch. Ich mache einen Augenblick Halt am Grabe meines Freundes ...
Dann muss ich meinen Freund verlassen und die Wache bei ihm den..... Sternen überlassen."
Oder wie es ein Offizier beim Stab des IX. Armee-Korps 1934 im Hamburger Fremdenblatt beschrieb: "Der Angriff auf das unterhalb von Tracy le Mont liegende Dorf Tracy le Val war dagegen misslungen. Die Truppen hatten sich durch die Wälder bis an die ersten Häuser dieses Dorfes herangearbeitet, dort hatten sie sich eingraben müssen."
Großvaters Grab ist nicht zu finden. Auf dem Vormarsch oder Rückzug werden keine Soldatenfriedhöfe angelegt.
Großvater! Einerseits hattest du kein Glück, den Krieg zu überleben und warst dabei auch nicht umsichtig genug erst später, im Stellungskrieg zu sterben, dann, als die Toten gesammelt wurden und militärisch zumindest noch für ein ordentliches Grab verwendungsfähig waren. Andererseits bist du ein einfacher Mensch geblieben, hast mit deinem Körper einem großen Baum die Kraft zum Wachsen gegeben und niemand harkt auf Dir herum, in Planquadraten eines Militärfriedhofs, auf denen nichts wächst außer dem Gras, das über euren Gräbern gewachsen ist.

Szenenwechsel.

Hautcourt. Auf der Nationalstraße N3 von Verdun nach Etail unterwegs. Halt, brems doch mal, da war doch eben ein kleines Schild: "Deutscher Soldatenfriedhof 1914-1918". Sinnigerweise ist die schmale Parkbucht neben der Straße so angelegt, dass man sie erst erreicht, wenn man beinahe am Friedhof vorbeigefahren ist.
Ein von Büschen umgrenztes Areal. Auf dem Rasen schlanke schwarze Metallkreuze. Auf jeder der beiden Seiten jeweils zwei Namen. Vier Namen pro Kreuz. Anscheinend waren die deutschen Soldaten weniger christlich, da reicht ein Kreuz für vier Mann.
8784 deutsche Soldaten liegen hier begraben. Nicht Männer, Väter, Söhne, Brüder. Nein, Soldaten sind es, waren sie alle. Nun gut, es ist in Ordnung, zu wissen, dass hier keine Zivilisten begraben liegen.
Nun wird das auch mit den Vierer-Kreuzen verständlich: das ist schlicht platzsparender, preiswerter und ist weniger beeindruckend, als die vierfache Fläche bei einem Kreuz für jeden Einzelnen.
Aber, ich will nicht ungerechter werden, als ich es bin. Es waren 1920 französische Soldaten, die diesen Friedhof angelegt haben. Für ihre deutschen Kameraden. Es ist eine Frage der letzten Ehre. Nach den blutigen, die Körper zerfetzenden Schlachten, alles ehrenvoll nach den Anstandsregeln der vereinbarten Haager Landkriegsordnung, ein kameradschaftliches Grab.
Am Eingang der Friedhöfe, in einem in die Eingangsmauer eingelassenen Kasten, befindet sich immer eine Namensliste der dort Beerdigten. Hier zusätzlich ein Besucherbuch. Viele handschriftliche Eintragungen. Zwei seien herausgegriffen: "Sehr ordentlich. Sehr korrekt. Hat uns gefallen. Gemeinschaft ehemaliger Frontsoldaten (Ort)" und: "Nach 78 Jahren haben wir das Grab unseres Großvaters gefunden. Wir sind zutiefst berührt. Familie (Name)"

© bei Carsten Frerk


zurück zum Seitenanfang